Rehberg: FC Bayern scheitert wegen Vorsichtsfußball

Enttäuscht: Bayern-Spieler Kingsley Coman. Foto: dpa

Mut fehlte. Zu vorsichtig agierte der FC Bayern München gegen den FC Liverpool. Reinhard Rehberg erläutert, was der Deutsche Meister beim K.o. in der Champions League falsch...

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. Die richtige Balance finden. Die Balance halten. Diese Wendung hat sich eingebürgert im Fußball. Und selbst nach dem ernüchternden Aus in der Champions League gegen den FC Liverpool beteuerte Niko Kovac trotzig: Es war richtig, nicht zu früh hinten aufzumachen, „wir mussten die Balance wahren“. Das war der kurze Moment, in dem sich erschloss, welche Idee der Trainer des FC Bayern für diesen K.o.-Abend ersonnen hatte: Wenig Risiko eingehen, den Gegner austaktieren. Hat nicht funktioniert. 1:3.

Am Ende hatte Jürgen Klopp die ideale Balance gefunden: Die Stärken des Gegners ausschalten mit Pressingaktivitäten in ausgewählten Räumen und in unterschiedlichen Höhen - und die wenigen Gelegenheiten nach vorne mit möglichst viel Tempo und Zielstrebigkeit durchziehen. Die Liverpooler strahlten in diesem Ansatz die höhere Überzeugung aus. Für die Bayern zahlte sich das überbetonte Balance-Prinzip überhaupt nicht aus. In der Praxis mussten die FCB-Spieler damit klarkommen, dass sie sich in diesem CL-Achtelfinale in ihrem Matchplan auf ungewohntem Terrain bewegten.

Die Bayern beraubten sich ihrer eigenen Stärken. Ihr Vorsichtsfußball verhinderte, dass der Heimvorteil zum Tragen kam. Keine nach vorne gewandte Aggressivität, keine nach vorne orientierte Dominanz über scharfes Passverhalten in den Mittelfeldräumen, keine Beschleunigungsphasen auf dem Weg in das Angriffsdrittel. Ja, die Kovac-Elf ließ kaum mal die gefürchteten Umschalt-Überfälle der Liverpooler zu. Aber die Münchner schafften es nie, den Gegner mit eigener Offensivwucht zu verunsichern, zu destabilisieren.

Deutlich zeigte sich die Übervorsicht in der ersten Viertelstunde der zweiten Halbzeit. Der Ausgleichstreffer zum 1:1 noch vor der Pause hätte der Mannschaft Wind unter die Flügel blasen sollen. Doch mit Wiederanpfiff ließ der FCB in Aktivität und Überzeugung eher noch mal nach. Die „Reds“ dominierten. Und für die übertaktierenden Bayern wurden die Wege zum gegnerischen Tor immer weiter. Gegen eine Liverpooler Mannschaft, die in der Passpräzision auch nicht ihren besten Tag erwischt hatte.

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Mag sein, dass Niko Kovac auf diesem Niveau und in dieser Ausgangslage noch die nötige Erfahrung fehlt. In seiner erfolgreichen Zeit hat der Trainer Außenseiterfußball zelebriert. Bereitwillig hat der Berliner Kroate gegen den FC Liverpool in beiden Spielen die Außenseiterrolle akzeptiert. Im Hinspiel an der Anfield Road war das notwendig. Im Rückspiel war der freiwillige Rückzug in eine defensive Position der Anfang vom Ende. Zwei, drei ernsthafte Torchancen in 180 Minuten plus Nachspielzeit, das war sehr wenig. Zu wenig.

Die Frage stellte sich: Kann man das eine tun, also kontrolliert verteidigen, ohne das andere zu vernachlässigen, also in günstigen Momenten mit Mut, Schärfe und Tempo anzugreifen? Die Bayern haben das oft genug konstruktiv beantwortet. In diesem Achtelfinale gegen den letztjährigen CL-Finalisten nicht. Das hat auch mit der aktuellen Besetzung des Branchenriesen zu tun. Aber nicht nur.

Juventus Turin hat mit einigen in die Jahre gekommenen Profis das Defensivmonster Atletico Madrid im Rückspiel bei 0:2-Rückstand in einer Mischung aus Geduld und Leidenschaft mit 3:0 auseinandergeschraubt, überrannt. Mit einem von den Haarspitzen bis in die Fußzehen emotionalisierten, erfolgshungrigen Cristiano Ronaldo. Die unendlich erfahrenen und hoch dekorierten Bayern verhielten sich in einer günstigen Ausgangslage im Heimspiel gegen den FC Liverpool wie ein erstarrter Hamster vor dem Mähdrescher. Der Sprung an die Tabellenspitze in der Bundesliga hat die Mannschaft nicht belebt. Zumindest nicht an diesem Europapokal-Abend.