Rehberg: Gefeiert und gefeuert - Jörn Andersen

Jubel mit den 05-Fans nach dem Aufstieg 2009: Jörn Andersen. Archivfoto: Sascha Kopp

In der Serie "Ausländische Trainer beim FSV Mainz 05" hat Reinhard Rehberg bislang behandelt den Kroaten Josip Kuze, den Österreicher Dietmar Constantini und den Belgier Rene...

Anzeige

. Jörn Andersen trat am 1. Juli 2008 in riesengroße Fußstapfen. Der Norweger war der direkte Nachfolger der Kultfigur Jürgen Klopp. Der Druck war immens. Klopp war siebeneinhalb Jahre lang als Chefcoach der Volksheld in Mainz. Als sich der charismatische Motivationsmeister in jenem Sommer nach dem gescheiterten Wiederaufstiegsversuch zu Borussia Dortmund veränderte, da wurde er wenige Tage nach einem tränenreichen Finale im Bruchwegstadion (5:1-Sieg gegen den FC St. Pauli) auf dem Gutenbergplatz in Mainz vor 20.000 Zuschauern auf einer Festbühne noch mal eigens verabschiedet. Das gab es in Mainz nie zuvor. Abstiegskampf bestanden (2001), zwei am letzten Spieltag gescheiterte Aufstiegsversuche (2002, 2003), der ersten Bundesligaaufstieg in der Geschichte des Klubs (2004), drei Jahre Bundesliga (2004 bis 2007) und eine aufregende Uefa-Pokal-Teilnahme (2005), Abstieg (2007), knapp verpasster Wiederaufstieg (2008). Das Erbe, das Jörn Andersen antrat, war gigantisch.

Mit Kickers Offenbach abgestiegen

Der Norweger trat sein Amt an mit der Hypothek, in der Saison zuvor mit den Offenbacher Kickers am letzten Spieltag aus der Zweiten Liga abgestiegen zu sein. Und jetzt sollte der damals 45-Jährige die Mainzer Sehnsucht nach einer zweiten Bundesligazeit stillen. Manager Christian Heidel traute das dem Hünen, der 2003/04 mit dem nicht überragend stark besetzten Team von RW Oberhausen nur um einen Punkt am Bundesligaaufstieg gescheitert war, zu. Was dann folgte, war ein einmaliges Kuriosum in der Geschichte des deutschen Fußballs.

Anzeige

Andersen erfüllte seine Mission souverän mit Rang zwei (63 Punkte) und als die mit Abstand beste Auswärtsmannschaft der Liga (36 Punkte), er setzte noch das Erreichen des Halbfinales im DFB-Pokal oben drauf - und dennoch wurde der Trainer nach der Sommervorbereitung, fünf Tage vor dem Start der Bundesligasaison 2009/10 entlassen und durch den jungen A-Juniorencoach Thomas Tuchel ersetzt. Von diesem Schlag hat sich Norweger, der als Profi 1990 mit 18 Toren im Trikot der Frankfurter Eintracht der erste ausländische Bundesliga-Torschützenkönig war, nie mehr erholt.

Mit drei Siegen die Kurve bekommen

Die offizielle Begründung für die Beurlaubung, die bundesweit für Aufsehen und für massive Kritik an der Klubführung sorgte, lautete, der Trainer passe nicht zur Philosophie des Vereins. Dahinter verbarg sich eine schleichende Entwicklung. Schon Mitte der Rückrunde hatte sich Heidel stark in das sportliche Geschehen eingemischt, als Norweger nach Misserfolgen in seiner Entscheidungskraft wankte. Die vielen erfahrenen Spieler im Team spürten das. Das Vertrauen in den Trainer sank. Doch mit drei Siegen in den letzten drei Saisonspielen, darunter das legendäre 2:0 beim 05-Angstgegner SpVgg Greuther Fürth, bekam Andersen noch die Kurve.

Ab der feucht-fröhlichen Aufstiegsfeier soll sich der in seinem Führungsstil nie sichere Trainer auf Anraten eines externen Beraters stark verändert haben. Hin zu einem autoritären Schleifer im Stil des auf Kommunikation mit seinen Spielern verzichtenden Konditionsbolzers Felix Magath. Im Sommertrainingslager in Österreich diskutierten die Führungsspieler um Kapitän Dimo Wache eine Rebellion. Nach dem Start mit dem Erstrunden-Aus im DFB-Pokal beim Regionalligisten VfB Lübeck handelte der Manager. Heidel hatte die Überzeugung verloren, Andersen könnte als Anführer und auch fachlich den Bundesligaanforderungen gewachsen sein.

Mangel an taktischer Flexibilität

Anzeige

Dem Aufstiegstrainer fehlte es, unabhängig von den zunehmenden zwischenmenschlichen Störungen, an taktischer Flexibilität. Das 05-Team war durch die Saison geritten mit einem einzigen strategischen Ansatz: In der Defensive massiert und ordentlich organisiert stehen und schnelle Konter fahren. Das hat funktioniert. Aber das unter Wolfgang Frank und später dann Jürgen Klopp installierte Pressing- und Gegenpressingverhalten, das war gar nicht mehr zu sehen. Die starke Innenverteidigung mit Niko Bungert/Bo Svensson und Nikolce Noveski plus das Mittelfeldbollwerk mit den erfahrenen Miroslav Karhan und Milorad Pekovic plus dem defensiv und offensiv starken Markus Feulner (7 Tore/13 Vorlagen) plus den treffsicheren Stürmern Aristide Bancé (14 Tore) und Srdjan Baljak (11 Tore/9 Vorlagen) regelten die Dinge auf dem Feld.

Natürlich wird man dem Trainer mit dieser Analyse nicht vollends gerecht, aber mit dieser eindimensionalen Spielweise, das spürten die Klubführung und die Spieler, wäre es womöglich schwer geworden als Bundesligaaufsteiger, der eine Stufe höher ja von jeher seiner massiven individuellen Überlegenheit aus der Zweiten Liga verlustig geht. Und damit soll es auch gut sein mit der Kritik an Jörn Andersen, der den 05ern damals unterm Strich eine erlebnisreiche Erfolgssaison beschert hat.

Legendäre Auftritte im DFB-Pokal

Erinnert sei insbesondere an die legendären Auftritte im DFB-Pokal. Achtelfinale: 3:1 beim späteren Zweitligameister und Mitaufsteiger SC Freiburg. Viertelfinale: 1:0 am Bruchweg durch ein Tor von Aristide Bancé gegen den Bundesligisten FC Schalke 04 (mit Neuer, Rafinha, Bordon, Westermann, Jones, Rakitic, Kuranyi und Farfan). Halbfinale vor 40.000 Zuschauern in Düsseldorf: 1:4 n.V. als Gast von Bayer 04 Leverkusen; Angelos Charisteas brachte den haushohen Favoriten mit 1:0 (82.) in Führung, Bancé erzwang in der 88. Minute die Verlängerung, da trafen dann Arturo Vidal, Simon Rolfes (auf Vorarbeit des Ex-05ers Manuel Friedrich) und Michal Kadlec. Im Mittelfeld hatte der junge Roman Neustädter - Mut bewies der Norweger immer wieder - den aufstrebenden Bayer-Spielmacher Toni Kroos neutralisiert.

Jörn Andersen kam nach dem Rauswurf in Mainz als Trainer nicht mehr auf die Beine. In Griechenland (AE Larisa) wurde er 2010 nach nur fünf Spielen ohne Sieg direkt wieder entlassen. Nach nur fünf Monaten war auch Schluss beim Versuch, von November 2011 bis Ende März 2012 den Karlsruher SC vor dem Abstieg zu retten. Seitdem wartet der in Nürnberg lebende Norweger auf ein passendes neues Angebot.

Nach fünf erfolgreichen Jahren unter dem Volltreffer Thomas Tuchel beginnt nun die Zeit des ersten ausländischen Bundesligatrainers am Bruchweg: Kasper Hjulmand (42) aus Dänemark.