Rehberg: In Gladbach das Zentrum verdichten

05-Trainer Martin Schmidt. Foto: Sascha Kopp

Brennen auf eine Wiedergutmachung? Nicht die beste Lösung für Mainz 05 nach der Auftaktniederlage gegen den FC Ingolstadt, meint unsere Kolumnist Reinhard Rehberg. Besser: Das...

Anzeige

. Die Welt mal mit anderen Augen sehen. Das hilft im Leben. Auch im Fußball. Neues Spiel, neue Aufgaben, neue Chancen. Die Startpartie der 05er ist gründlich daneben gegangen, jetzt kann man einen Fehler machen: Dass man sich durch diese schwache Leistung die nächste Herausforderung vermiesen lässt, dass die Verarbeitung des 0:1 gegen den FC Ingolstadt eine mentale und emotionale Belastung wird für den Auftritt an diesem Sonntag bei Borussia Mönchengladbach.

Die berühmte Wiedergutmachung, diese immer wieder praktizierte Jetzt-erst-recht-Rhetorik, die in der Dauerschleife geforderte klassische Reaktion auf den verkorksten Tag – das muss nicht immer der angemessene Ratgeber sein. Manchmal ist es klüger, das Negativerlebnis in der Schublade zu versenken, im Geiste frei das nächste Fußballspiel anzugehen, die eigenen fußballerischen Inhalte in den Mittelpunkt zu stellen und diese mit kollektiver Energie leidenschaftlich, konzentriert und konsequent abzuarbeiten. In diesem Fall könnte das ratsam sein. Wir stehen vor dem zweiten Spieltag. Und die Gladbacher haben mit ihrer spielerischen und taktischen Ausrichtung nahezu nichts gemeinsam mit dem kämpferisch wilden und wehrhaften, insgesamt aber biederen Auftaktgegner FC Ingolstadt.

Gladbacher bieten in der Regel nicht viel an

Die Elf von Martin Schmidt muss weniger Antworten finden auf die Mängel aus der Ingolstadt-Partie, die 05-Profis müssen vielmehr Lösungen finden für die Aufgaben, die Borussia Mönchengladbach stellt. Und Letzteres wird ein komplexerer Job sein, als „nur“ mit einer höheren Laufbereitschaft und Aggressivität an den Start zu gehen. Ausschließlich mit der sogenannten besseren Einstellung, mit Kampf und Willen ist dieser Gegner nicht zu bezwingen. Und wahrscheinlich auch nicht nur mit hinten gut stehen und vorne Umschaltnadelstiche setzen. Für die nötigen Balleroberungen in relevanten Räumen bieten die Gladbacher in der Regel nicht viel an. Das Team von Lucien Favre ist in der Mittelfeldüberbrückung schnell und direkt unterwegs, da lässt sich für den Gegner der Zugriff auf die Kugel nicht immer wirkungsvoll organisieren.

Anzeige

Was den 05ern in die Karten spielen könnte, das ist der Veränderungsprozess, zu dem Favre gezwungen ist wegen der personellen Ausfälle in der Abwehr. Und wegen des Verlusts von zwei Schlüsselspielern, die des Trainers System in Defensive und Offensive getragen haben. Der zu Bayer Leverkusen zurückgekehrte Weltmeister Christoph Kramer war im Mittelfeld der Dauerläufer und Bälleeinsammler, der Passorganisator und Passbeschleuniger. Der nach Wolfsburg gewechselte Max Kruse war der flexible Mittelstürmer, der sich mit viel Technik in den Räumen zwischen gegnerischer Abwehr- und Mittelfeldkette herumgetrieben hat, und Tore hat der schlaue Stürmer trotzdem noch geschossen. Wenn die Gladbacher aus ihrer Blockverteidigung heraus mit kurzen Ballkontaktzeiten nach vorne kombiniert haben, dann war das Ziel Max Kruse, und der verteilte die Bälle dann auf die Flügel oder direkt in die Lücken zwischen Außenverteidiger und Innenverteidiger.

Stindl nicht der klassische Balleroberer

Kramer-Ersatz Lars Stindl ist ein glänzender Fußballer, aber er hat in der Defensive nicht diese Sicherheit und Präsenz in den zentralen Räumen, der klassische aggressive Balleroberer ist er nicht. Kruse-Ersatz Josip Drmic ist ein beweglicher und torgefährlicher Strafraumspieler, weniger ein die Bälle anziehender Kombinationsmeister in den Halbräumen. Das dürfte Favre dazu zwingen, das Offensivspiel schon im Aufbau mehr auf die Flügel zu verlagern. Dort haben die Gladbacher eine enorme individuelle Qualität. Aber die Tore fallen nun mal in der Mitte. Gelingt den 05ern eine gut organisierte Zentrumsverdichtung, dann darf von den Seiten ruhig mal eine Flanke in den Strafraum segeln - ein Kopfballungeheuer steht dort nicht mit dem 1,81 Meter großen Drmic oder dem 1,74 Meter großen Toptechniker Raffael.

Und sollte Favre in der Innenverteidigung erneut mit den jungen und unerfahrenen Marvin Schulz (20) und Andreas Christensen (19) antreten, dann sollte man dieses Abwehrzentrum natürlich in der Konterbewegung in Bedrängnis bringen. Aber nicht nur. Auch aus dem Positionsspiel heraus sollten sich Torchancen erarbeiten lassen. Favres in der Vorsaison nur ganz schwer bezwingbares Abwehrbollwerk, das extrem eng verschoben und konsequent eine perfekt einstudierte Abseitsfalle eingesetzt hat, war beim 0:4 der Gladbacher in Dortmund nicht mehr auszumachen.

Aggressiv und möglichst oft in Überzahl verteidigen

Anzeige

Eng und kompakt, laufstark, aggressiv und möglichst oft in Überzahl verteidigen, das ist eine selbstverständliche Aufgabe für die 05er. Martin Schmidt könnte für dieses Vorhaben mit Christoph Moritz, Niki Zimling oder Joo Ho Park (Letzterer wird wohl eher wieder als Linksverteidiger benötigt) einen dritten Mittelfeldsechser einbauen. Das würde Julian Baumgartlinger und den bislang nicht überragend präsenten, eher wenig griffigen Fabian Frei in der Defensivarbeit entlasten. Das könnte dann hinauslaufen auf eine Mittelfeldraute: Mit Yunus Malli als Umschaltzehner und davor zwei klassischen Konterstürmern, etwa Christian Clemens und Yoshinori Muto. Das wäre eine Möglichkeit. Eine andere im 4-2-3-1: Der glänzende Fußballer Moritz als rechter oder linker Außenmann in der offensiven Dreierreihe, der bei gegnerischem Ballbesitz hilft, die Mittelfeldzonen abzuriegeln.

Die Grundordnung ist aber eher zweitrangig. Die 05er müssen lebendig und mutig auftreten, leidenschaftlich und gierig. Mit einem klaren Bild, wann von hinten heraus ruhiges und präzises Passspiel angesagt ist (störendes Angriffspressing betreiben die Gladbacher eher selten) und wann die tempogeladenen Umschaltüberfälle Erfolg versprechen. Die Mischung macht's.