Rehberg: Kindergarten-Gegentore auf Schalke

Schalkes Stürmer Klaas-Jan Huntelaar (l) und 05-Abwehrspieler Philipp Wollscheid im Zweikampf. Foto: dpa

Wann macht es wenig Sinn, Systemfragen, Positionen, nette Spielzüge und ein paar ungenutzte Torchancen zu diskutieren? Immer dann, wenn einer Mannschaft die Grundlage fehlt:...

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. Wir bescheinigen den 05ern beim 1:4 auf Schalke abermals gute Abläufe im eigenen Ballbesitz. Sinn- und wertlos an diesem Samstag, denn die Mannschaft von Trainer Kasper Hjulmand kassierte vier Kindergarten-Gegentore. In diesem Fall sind ein Punktgewinn durch ein 4:4 oder gar drei Zähler mittels eines 5:4-Sieges nahezu ausgeschlossen.

Verzichten wir also diesmal auf eine tiefgründige Spielanalyse. Schauen wir uns mal nur die vier Gegentore an.

9. Minute: das 0:1. Sami Allagui verschludert vor dem eigenen Strafraum einen abgewehrten Ball. Noch nicht schlimm weiter, nur nachlässig. Der Rest ist ein Mondball über mehr als 40 Meter durch die Mitte, Gonzalo Jara stört Maxim Choupo-Moting im torgefährlichen Raum überhaupt nicht (was gar nichts zu tun hat mit dem Größennachteil des Chilenen), der Ex-05er leitet mit dem Kopf weiter. Im Strafraumzentrum stehen Philipp Wollscheid und Stefan Bell günstig gegen Klaas Jan Huntelaar. Aber: Wollscheid reagiert gar nicht auf die Absetzbewegung des Mittelstürmers, Bell reagiert zu spät, zu zögerlich - und der Holländer trifft mit einem gefühlvollen Heber frei vor Keeper Loris Karius. Kein Körperkontakt zum Gegenspieler am und im eigenen Strafraum. Tödlich.

25. Minute: das 0:2. Diagonaler Seitenwechsel der Schalker. Rechtsverteidiger Daniel Brosinski steht am Flügel vor Christian Fuchs, unterschätzt die Höhe der Kugel, der linke Schalker Linienmann darf sich den Ball auf engstem Raum kontrolliert herunterpflücken und vorlegen. Bell macht zwei, drei zögerliche Schritte hin zum Passgeber, aber ohne Druck auszuüben. Rückpass. Da steht Max Meyer im Strafraum in einem Radius von gut fünf Metern unbewacht in der Gegend herum. Diagonalpass Richtung 5-Meter-Raum. Jara rutscht ins Leere, Wollscheid steht auf beiden Beinen und schaut zu, Junior Diaz reagiert auch nicht auf die Bewegung von Huntelaar. Der Torjäger steht frei und vollendet. Erneut: Passivität im eigenen Strafraum. Tödlich.

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54. Minute: das 1:3. Ein simpler, kerzengerader langer Schlag in den Mainzer 16er. Wollscheid steht gut - und köpft die Kugel ohne Bedrängnis mittig aus dem Strafraum. Im torgefährlichen Raum übt Bell keinen Druck aus auf Meyer. Der spitzelt zu Huntelaar, auf den Wollscheid keinen Druck ausübt. Ein Querpass. Und Tranquillo Barnetta schießt aus 18 Metern ins rechte Eck - Ja-Cheol Koo übt keinen Druck aus auf den Torschützen. Erneut: Passivität im torgefährlichen Raum. Tödlich.

61. Minute: das 1:4. Choupo-Moting chippt aus dem Zentrum heraus in zarter Bedrängnis einen abgewehrten Ball in den Strafraum. Links trabt Jara gemütlich Richtung Abseitslinie. Bell, der im Rücken des Passempfängers Huntelaar ganz schlecht steht, übersieht Jaras gedankenverlorene Nachlässigkeit und baut im ganz falschen Moment mit zwei Schritten nach vorne eine vermeintliche Abseitssituation auf. Geht schief. Huntelaar macht unbedrängt sein drittes Tor. Passivität in den torgefährlichen Räumen, schlechtes Stellungsspiel, Alibiabseitsfalle. Tödlich.

Ohne Aggressivität, ohne Antizipation und schnelle Reaktionen im eigenen Strafraum, ohne klare Prinzipien im Stellungsspiel und in der rückwärtigen Absicherung, ohne knallharten Körperkontakt in Tornähe eröffnet sich keine Chance auf ein Erfolgserlebnis in der Bundesliga. Systemfragen? Die Abwehrvariante mit drei Innenverteidigern und zwei weit nach vorn verschobenen Außenverteidigern hat nicht funktioniert. Die Abstände zu den Gegenspielern gerieten mehrfach viel zu weit. Pressing und Gegenpressing war schwierig zu praktizieren, weil die Schalker meist schon von hinten heraus mit langen Diagonalbällen operierten. Aber: Das Zweikampfverhalten des Mittelfeldsechsers Jo-Hoo Park war in jedem Fall dünn; Nebenmann Johannes Geis bügelte noch einiges aus bei den Schalker Umschaltversuchen, aber alles schaffte der auf sich alleine gestellte Stratege nicht.

Spielkontrolle über Dominanz im eigenen Ballbesitz? Nett. Neun ordentliche Abschlussaktionen, die Riesenchance zum 1:1, ein stark herausgespieltes Tor zum 1:2? Auch nett. Führt aber zu gar nichts, wenn der ab der 25. Minute immer passiver werdende Gegner nur noch auf utopische Fehler im Defensivverhalten der Mainzer warten muss. Kasper Hjulmand wird das nicht gerne hören: Die 05er sind aktuell auf keinem guten Weg, vom 05-typischen Pressing- und Tempofußball ist nichts mehr zu erkennen. Klingt grundsätzlich und hart. Ist aber unübersehbar. Und dass der präsente Abwehrhüne Nikolce Noveski trotz des Ausfalls von Niko Bungert nicht gebraucht wird, ist nur ganz schwer vermittelbar.

Keine Impulse durch die Einwechselspieler

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18 Gegentore haben die 05er nun kassiert in 13 Ligaspielen. Zwei Punkte aus den vergangenen fünf Spielen. Der Trend zeigt nach unten. Überzeugung und Selbstvertrauen sind angegriffen. Die Einwechselspieler geben keine Impulse. Vielleicht abgesehen von Yunus Malli, der nach der Umstellung in der 63. Minute ein paar flotte Szenen einstreute. Der Spanier Jairo kann in seiner momentanen Verfassung gar nicht helfen. Wollscheid als neuer Abwehrchef? Lange verletzt, wenig Spielpraxis, noch keine Orientierung im Raum, keine Zweikampfschärfe. Sami Allagui und Shinji Okazaki brachten als Stürmer gute Laufwege über die Seiten ein. Durchschlagskraft, Tempo und Wucht, das stellte sich nur selten ein.

Soll niemand behaupten, der FC Augsburg habe einen besseren Kader als die Mainzer. Die Schwaben haben aber mit ihrer Laufbereitschaft, mit ihrer Systemsicherheit, mit ihrer Aggressivität, mit ihrer Dynamik, mit ihrem Umschalttempo, mit ihrer Zielstrebigkeit und mit ihrer Willenskraft mittlerweile 21 Punkte angehäuft. Das geht.

Die 05er passen sich immer öfter gut strukturiert einen Wolf. Und der Gegner staubt ab. In Schalke wirkte die Mainzer Spielanlage erstmals ein wenig naiv. Wenn die 05er in der Bundesliga ein offenes, ein auf Technik und Kombinationen basierendes Spiel unter Verzicht auf Raumverengung, Zweikampfhärte und Balljagd anbieten, dann wird es schwierig. Da stellt sich die Frage: Kann diese Strategie mit dieser individuellen Qualität (in sämtlichen Mannschaftsteilen) zum Erfolg führen? Zweifel sind angebracht.