Rehberg: Leidenschaftlicher Balleroberer gegen den HSV gesucht

Ja-Cheol Koo. Archivfoto: rscp

Die Ausgangssituation für das Spiel von Mainz 05 beim HSV liegt glasklar auf dem Tisch: Die 05er haben schon mal besser Fußball gespielt und stecken nun mitten in einer...

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. Der HSV fühlt sich auf einem guten Weg, Konstanz aber hat der neue Trainer Joe Zinnbauer auch noch nicht in den unaufgeräumten Laden gebracht. Das Muster der vergangenen fünf Spiele: Zwei wild erkämpfte Heimsiege, drei lapidare Auswärtsniederlagen. Wer in fremden Stadien nichts holt, der hat den Druck, vor eigenem Publikum die Punkte einfahren zu m ü s s e n.

Einen stabilen Erfolgspfad hat also auch der sich als Motivationsmeister positionierende Zinnbauer noch nicht gefunden. Woran mag das liegen? Da wuchern noch immer die Sünden der Vergangenheit. Die HSV-Trainer seit 2010 (zählen sie mal mit): Bruno Labbdadia, Ricardo Moniz, Armin Veh, Michael Oenning, Rodolfo Cardoso, Frank Arnesen, Thorsten Fink, Bert van Marwijk, Mirko Slomka - und nun der von der U23 nach oben beförderte Joe Zinnbauer. Da wurde kunterbunt am Kader geschraubt, die Stilart gewechselt, alle möglichen Systeme durchgenudelt, Spieler zu Führungspersönlichkeiten gemacht und kurz darauf wieder auf die Bank versetzt, andere wurden komplett ausgemustert und vom Nachfolgetrainer wieder begnadigt. Wirrwarr.

Labbadia versuchte es ohne erkennbares sportliches Konzept, Veh, van Marwijk und Fink predigten Ballbesitzfußball, Slomka stellte radikal um auf Umschalt- und Konterfußball. Labbadia trainierte viel und hart, Veh etwas weniger, van Marwijk ganz wenig, Slomka wie besessen bis einen Tag vorm Spiel. Labbadia und Slomka waren die großen Motivationsredner mit bis zu zweistündigen Sitzungen, Fink gefiel sich in der Rolle des geborenen Erfolgsmenschen, Veh und van Marwijk setzten gutgläubig auf die Eigenverantwortung der Spieler. Wollte man das positiv besetzen, würde man von kreativer Unruhe sprechen. Man könnte es auch als gelebtes Durcheinander bezeichnen. Stoff für Satiriker.

Laufbereitschaft und Zweikampfgift

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Der neueste von einigen neuen Sportdirektoren will nun aufräumen. Peter Knäbel kündigte vor drei Tagen an, das Gehaltsniveau drastisch senken zu wollen, was auch beinhalte, einige Großverdiener mit auslaufenden Verträgen nicht weiter zu verpflichten. In dieser instabilen Gemengelage muss sich also nun der Bundesliganeuling Zinnbauer behaupten. Der früh zu Reichtum gelangte Unternehmer in der Finanzdienstleistungsbranche, der als Profierfahrung 16 Zweitligaspiele (1995/96) für die 05er mitbringt. Ausgang offen.

Der dynamische und rhetorisch begabte Zinnbauer setzt auf Defensive, auf Laufbereitschaft und auf Zweikampfgift. Und auf Motivationskunststücke. Der 44-Jährige redet gerne und offen darüber, dass sich seine Spieler im Training schon gegenseitig beschimpfen sollten, dass sie angehalten waren, bei Schussübungen neben und über das Tor zu zielen, dass sie sich nach Spielen selbst benoten sollten. Er hat mittlerweile fünf junge Spieler aus seiner U23 zu Bundesligadebütanten gemacht: Ville Matti Steinmann, Anton-Philipp Götz, Mohammed Gouadia, Ronny Marcos und Valmir Nafiu. Die stehen in der Startelf oder werden eingewechselt für Stars wie Raffael van der Vaart, Lewis Holtby, Marcell Jansen oder Zsoltan Stieber. Manchmal funktioniert die Frischzellenkur, auswärts allerdings eher selten.

Koo als Lösung?

Die Aufgabe: Die 05er müssen ihre spielerischen Vorzüge durchbringen gegen einen emotional bis an die Zähne bewaffneten Gegner - bei dem Nicolai Müller versuchen wird, gegen die ehemaligen Mainzer Kameraden seine Form- und Integrationsprobleme zu beheben. Eines zeichnet sich ab: In Hamburg werden die 05-Profis ihr Tempo- und Aggressivitätsniveau deutlich nach oben verschieben müssen.

Wir dürfen in der atmosphärisch dichten Hamburger Arena von einem hoch intensiven Pressing- und Gegenpressingschlagabtausch ausgehen. Alleine mit spielerischer Überlegenheit wird die Elf von Kasper Hjulmand dort eher nicht zum Erfolg kommen. Die 05er werden auch mit den Säbeln rasseln müssen. Der Trainer muss für diese Gangart die geeigneten Spieler finden. Julian Baumgartlinger und Christoph Moritz lieben den Zweikampf, doch die beiden angeschlagenen Mittelfeldsechser fallen aus. Nun ist Hjulmand auf der Suche nach einem leidenschaftlichen Balleroberer als Nebenmann des Strategen Johannes Geis. Joo-Ho Park war das nicht im Mittelfeldzentrum beim 1:4 auf Schalke. Der Südkoreaner ist ein feiner Ballverteiler und Strukturgeber, aber er ist weder ein aggressiver Malocher noch ein großräumig denkender Tempobolzer im offensiven Umschaltspiel.

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Eine mögliche Lösung: Ja-Cheol Koo als lauf- und spielstarker Umschaltsechser. In dieser Rolle hat der Wolfsburger Trainer Dieter Hecking den Koreaner schon nicht unerfolgreich ausprobiert. Das könnte eine Variante sein. Womöglich noch mit dem aggressiven Zweikämpfer Gonzalo Jara an der Seite. Das wäre dann eine Mittelfeldreihe mit Geis, Koo und Jara. Davor Yunus Malli als zentrale Anspielstation, eine Art Umschaltzehner. Davor mit Shinji Okazaki und Sami Allagui zwei Stürmer, von denen immer einer auf den Flügel ausbricht. Ein Denkmodell, das kaschieren könnte, dass die kampf- und spielstarken Mittelfeldarbeiter Baumgartlinger und Moritz sowie der Konterstürmer Jonas Hofmann fehlen.

05-Abwehr muss Konsequenz ausstrahlen

Der HSV ist anfällig bei Tempogegenzügen. Den Zentrumsspielern mangelt es an Geschwindigkeit. Deshalb setzt Zinnbauer auch in den Heimspielen auf eine massierte Defensive, gerne auch in einer Tiefenstellung. Erfolg bringen soll das von Valon Behrami organisierte Mittelfeldpressing nebst Konterzügen über Nicolai Müller und Pierre-Michel Lasogga. Dazu kommen die Standardbälle vom Spezialisten Raffael van der Vaart. Ein prinzipiell leicht zu lesender Ansatz. In der Theorie.

In der Praxis wird es darum gehen, dass sich die 05er nicht von der Wucht und Zweikampfschärfe der Zinnbauer-Elf beeindrucken, gar einschüchtern lassen. Und es wird darum gehen, Ballbesitzzeiten nicht fehl zu deuten als sichere Spielkontrolle: Diese Partie kann nach einem wüsten Verdrängungskampf entschieden werden durch einen einzigen zielstrebig abgeschlossenen Konterzug. Die 05-Defensive muss Konsequenz und Stabilität ausstrahlen. Wenn es dem Hjulmand-Team gelingt, die Hamburger Konteransätze schon mittels erfolgreicher Gegenpressingattacken abzufangen, dann sollten sich in der Gegenumschaltung bespielbare Räume auftun. Das könnte der Plan sein.