Rehberg: Löw muss in der DFB-Elf wieder ein Feuer entfachen

Bundestrainer Joachim Löw. Foto: dpa

Joachim Löw will kämpfen. Das wurde bei der Präsentation der WM-Analyse zuletzt deutlich. Der Bundestrainer hat erkannt, dass ein WM-Turnier immer wieder ein neues, ein...

Anzeige

. Bewertungen hängen in hohem Maße ab von der Erwartungshaltung. Wer gedacht hat, dass die DFB-Pressekonferenz mit Joachim Löw und Oliver Bierhoff für die deutsche Nationalmannschaft eine Revolution einleiten würde, der hat sich am Ende gefragt: Was sollte diese Veranstaltung? Oder: Warum haben die Verantwortlichen für das Versagen bei der WM in Russland zwei Monate gebraucht, um diese offensichtlichen Schlüsse zu ziehen und zu kommunizieren?

Wer mehr darauf bedacht war, zu beobachten, ob Löw und Bierhoff sich tatsächlich selbstkritisch zeigen und keine Alibis suchen, der ist am Mittwoch fündig geworden. Der Nationaltrainer hatte das Büßergewandt übergezogen. Der zwischenzeitlich entrückte Werbestar aus dem Schwarzwald hat sich der Arroganz bezichtigt. Das war heftig. Da hätte man fast schon den Eindruck gewinnen können: Löw leitet seinen Rücktritt ein. Dem war aber nicht so. Der Vordenker will kämpfen. Löw hat erkannt, dass ein WM-Turnier immer wieder ein neues, ein eigenes Projekt ist. Und darauf war die DFB-Elf – im Gegensatz zu 2014 – diesmal nicht eingestellt.

Fußballerische Qualität braucht auch physische Intensität

Trainercrew und eine Mehrzahl von Spielern sind davon ausgegangen, sie könnten in Russland eine weltweit überlegene Spielkultur durchsetzen. In diesem selbstherrlichen Gefühl ging verloren, dass die zweifellos vorhandene fußballerische Qualität nichts wert ist ohne physische Intensität, ohne Kampfeswillen, ohne Erfolgsgier, ohne Titelhunger, ohne Gemeinschaftsgeist – ohne ein bedingungsloses Füreinander.

Anzeige

Löw muss in diesem Kader wieder ein Feuer entfachen. Der Spielstil muss im Hinblick auf Turnierprojekte flexibler, auch pragmatischer werden. Die DFB-Elf braucht eine bessere Konterabsicherung, eine gegen den Ball aggressivere Gangart in den Mittelfeldzonen, mehr Tempo im Aufbauspiel und mehr Beschleunigung im Angriffsdrittel. Das hätte sich mit dem WM-Personal bewerkstelligen lassen. Doch Löw hat dem eingefrorenen, seelenlos-selbstgefälligen Ballbesitz-Treiben tatenlos zugeschaut. Diese Analyse war überfällig. Jetzt hat der Weltmeistertrainer die Chance, die Wende einzuleiten.

Radikaler Personalwechsel nicht möglich

Einen radikalen Personalwechsel gibt die Bundesliga gar nicht her. Und würde Löw nun drei, vier Länderspiele mit einem komplett erneuerten Personal in den Sand setzen, dann würden die Kritiker sofort auf die Barrikaden gehen: Wie kann man auf die nach wie vor besten deutschen Kicker, die ja noch drei, vier, fünf Jahre entfernt sind von ihrem Karriereende, freiwillig verzichten? Mit dem Leverkusener Kai Havertz hat der Bundestrainer jetzt ein Sondertalent für das Mittelfeld nominiert, der von Pep Guardiola bei ManCity angeleitete Tempodribbler Leroy Sané ist dabei – viel mehr gibt das Nachwuchsregal (noch) nicht her.

Wie der DFB mit seiner Vorzeige-Auswahl wieder mehr Fan-Nähe schaffen will, das blieb unklar. Wenn Oliver Bierhoff diese notwendige Wende zunächst noch mit den „Stakeholdern“ besprechen muss, dann zeigt das, dass der allmächtige und viel beschäftigte DFB-Direktor die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt hat. Man möchte Bierhoff als erste Amtshandlung raten: Weg mit der abgehobenen, Distanz produzierenden Marketing-Rhetorik rund um die Nationalmannschaft.

Dass medial noch immer darauf herumgeritten wird, die Scouting-Abteilung des DFB habe das WM-Start-0:1 gegen Mexiko zu verantworten, ist lächerlich. Dass ein Gegner mal ein taktisches Detail zur Anwendung bringt, das der Trainer in den 20 Spielen zuvor nicht praktiziert hat, sollte bei der eigenen Mannschaft nicht zwangsläufig in Hilflosigkeit münden. Ein Spiele-Analytiker ist kein Hellseher. Nun hat Löw seinen bisherigen Co-Trainer Thomas Schneider zum neuen Chefscout bestellt. Eine Rochade. Mehr ist das zunächst mal nicht.

Anzeige

Druck schadet nicht, damit können Profis umgehen

Schneider war bislang dadurch aufgefallen, dass er vor der DFB-Bank einem Einwechselspieler mit Hilfe eines Taktikkatalogs Position und Laufwege erklärte. Der Spieler rannte manchmal aufs Feld, da hatte Schneider beim hastigen Blättern im Katalog noch nicht mal die richtige Seite gefunden. Lustig. Davon abgesehen: Muss man einem erfahrenen Strafraumstürmer wie Mario Gomez vor der Einwechslung noch bildhaft vor Augen führen, in welcher Zone er sich in den letzten 12 Spielminuten aufhalten soll? Real-Satire.

Halten wir fest: Die Atmosphäre rund um die Nationalmannschaft wird in erster Linie gesteuert von den Leistungen und von dem Feuer auf dem Platz. Da steht der gesamte Laden ab sofort unter Druck. Das schadet nicht. Damit können Profis umgehen.