Rehberg: Mainz 05 hätte AS Saint-Étienne knacken müssen

Foto: Saschas Kopp

Europa League-Auftakt für den FSV Mainz 05. Bis zwei Minuten vor Schluss steht es 1:0, dann der unnötige Ausgleich. Viel Laufarbeit, viel Kampf. Aber kein präzises...

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. Ein Trend lässt sich noch nicht ablesen. Aber die 05er haben Mühe, einen Vorsprung ins Ziel zu bringen. Im DFB-Pokalspiel in Unterhaching gab das Team kurz vor Schluss ein 3:1 aus der Hand. Im ersten Bundesliga-Heimspiel reichte eine 4:1-Führung nur zu einem 4:4. Am Donnerstagabend lag die Mannschaft von Martin Schmidt im ersten Europaliga-Gruppenspiel bis zwei Minuten vor dem Abpfiff mit 1:0 vorne – und dann ereignete sich noch der ausgesprochen unnötige Ausgleich. Dieses 1:1 gegen die Franzosen von der AS Saint-Étienne ist ein brauchbares Ergebnis. Aber die 05er hatten schon fast den Deckel drauf auf den ersten drei Punkten im Europapokal. Und das hätte nach dem 3:1-Auftaktsieg des RSC Anderlecht gegen FK Qäbälä eine hervorragende Ausgangsposition beschert in der Gruppe C. Aber wir wissen ja: Fußball ist kein Bestellkatalog.

Donati stinksauer

Giulio Donati war hernach stinksauer. Wild gestikulierend und laut schimpfend wollte der 05-Rechtsverteidiger nach dem Abpfiff umgehend in die Kabine rennen. Der Cheftrainer hielt den impulsiven Italiener zurück, Rouven Schröder redete auf den tobenden Profi ein, dann kam noch Stephan Kuhnert dazu. Ein ehrgeiziger und hoch emotionaler Anführer wie Donati gibt sich mit einem Remis nicht zufrieden. Die Kollegen schlichen mit hängenden Schultern über den Rasen. 88 Minuten hatten die 05er exzellent verteidigt, bis auf zwei Halbchancen nichts hergegeben. Und dann passierte es doch noch.

Ein langer und hoher Schlag vom gegnerischen Innenverteidiger. Ein 50-Meter-Mondball in den Mainzer Strafraum, den Stefan Bell normalerweise im Schlaf klärt. Doch der groß gewachsene Abwehrchef berechnete die Länge des Passes falsch, er sprang in das Luftduell in einer Rückwärtsbewegung. Der bullige Einwechselstürmer Alexander Soederlund verlängerte mit hartem Körpereinsatz per Stirn. Zur Seite. Beim sich dort lösenden Sturmkollegen Robert Beric stand Niko Bungert. Zu passiv. Auch Jonas Lössl hatte den Ablauf dieser finalen Szene nicht angemessen antizipiert. Der 05-Keeper hatte sich komplett auf den Bell-Zweikampf konzentriert. Die falsche Entscheidung. Beric, der slowenische Torjäger, der ansonsten nicht eine einzige klare Abschlussaktion hatte, schob die Kugel aus kurzer Entfernung ins leere Tor. Die Leute in der Opel Arena hielten kurz die Luft an: Kann das wahr sein? Schockstille. Das nächste Frusterlebnis für die 05-Profis.

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Starke Phase zu Beginn der zweiten Halbzeit

Die Führung verdienten sich die Mainzer mit einer kurzen Druckphase zu Beginn der zweiten Halbzeit. Die besten Momente der 05er in einer stimmungsvollen Arena-Atmosphäre. Balleroberungen im Mittelfeld, schnelleres Spiel in die Spitze als zuvor, mehr Bewegung, mehr Tempoläufe, mehr Wucht im Angriffsdrittel. Die dritte Ecke binnen weniger Minuten führte zur vierten Torchance binnen weniger Minuten. Niko Bungert jagte die durch den Fünfmeterraum geeierte Kugel am langen Pfosten mit einem kräftigen Kopfstoß ins Netz. Und danach? Eine halbe Stunde noch – und nur noch eine einzige Torannäherung (Pablo de Blasis).

Die Schmidt-Elf verlegte sich in einer Tiefenstellung auf die Verteidigung des eigenen Heiligtums. Der Mittelfeldraum? Keine breiten Straßensperren, kaum krachende Zweikämpfe. Kaum noch Balleroberungen in relevanten Zonen. Keine Konterzüge. Die umjubelte Einwechslung von Jhon Cordoba (für den nie ins Spiel eingebundenen Yoshinori Muto) verpuffte. Die Franzosen passten sich mit einfachsten Mitteln ins Angriffsdrittel. Das sah bedrohlich aus, blieb aber ungefährlich. Die 05-Außenverteidiger machten ihren Job nahezu fehlerlos. Das galt auch für Bungert und Bell im Abwehrzentrum. Bis zu jener unheilvollen 88. Minute.

Warum die ASSE aus St.-Étienne in ihrer Liga nur wenige Gegentore fangen, das wurde deutlich. Diese Mannschaft geht nur dann ins Risiko, wenn sie in Rückstand liegt. Ansonsten: Immer mindestens fünf Mann hinterm Ball, selbst im Vorwärtsgang. Keine offensiv orientierten Außenverteidiger. Mit dem langen Norweger Ole Selnaes ein Sechser, der wie ein Ausputzer immer diszipliniert in der Nähe der letzten Linie blieb. Dazu eine Viererkette, in der die drei Männer mit den breitesten Schultern ihr Geld auch als Möbelpacker, Gerüstbauer oder Türsteher verdienen könnten. Im Positionsspiel waren die Franzosen auch nicht ungeschickt, ballsicherer als die Mainzer. Auch das nimmt Druck von der eigenen Deckung.

Viel Laufarbeit, viel Kampf

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Diese unaufgeregte Mannschaft aus der Mitte Frankreichs hätte man fußballerisch knacken müssen. Das gelang den Mainzern nicht. Nach einer guten Startphase mit vielen Ballgewinnen - denen die 05er in ihren Anschlussaktionen viel zu hektische Bemühungen um direktes Spiel in die Tiefe folgen ließen - wurde es zäh. Viel Laufarbeit, viel Kampf. Aber kein präzises Aufbauspiel, keine abgestimmte Ballzirkulation, kein Spielfluss. Vielleicht auch etwas Europapokal-Nervosität.

Wir wissen, dass die spielerische Komponente nicht das Kerngeschäft dieser Mainzer Umschaltmannschaft ist. Aber eine Idee davon, wie man mit einfachen Passfolgen und Freilaufbewegungen eng besetzte Räume ansteuern und bespielen kann, sollte zumindest als kleines Einmaleins in jeden Matchplan gehören. Zumal dann, wenn ein Gegner wie „Les verts“ in der Arbeit gegen den Ball zweifellos mit einer guten Raumaufteilung, aber sicher nicht als Pressingmaschine auftritt. Es braucht in bestimmten Situationen und gegen bestimmte Gegner, die keine Durchbrüche in die Tiefe zulassen, auch den Mut zum (einfachen) Kombinationsspiel. Davon abgesehen: Ballbesitzabläufe in einer klaren Ordnung - was überhaupt nichts mit „schön spielen“ zu tun hat - können immer auch die Grundlage sein für ein strukturiertes Gegenpressing nach (unvermeidlichen) Ballverlusten in des Gegners Spielhälfte.

Individuell braucht es mehr Impulse von Yunus Malli. Der beste Techniker im Team sucht noch seine Form; der türkische Nationalspieler ist noch nicht konstant beseelt von Überzeugung und purer Spiellust. Jean-Philippe Gbamin und Suat Serdar sind Zerstörer, aber (noch) keine Passkönige. Bell und Bungert bevorzugen aus den hinteren Reihen den geradlinigen langen Ball. In dieser Konstellation muss sich Malli im Zentrum mit seinen besonderen Fähigkeiten selbstverständlicher und entschlossener einbringen als gegen St-Étienne.

Am Sonntag wartet Augsburg

Am Sonntag geht´s weiter. Bundesliga. Beim FC Augsburg. Dessen Trainer Dirk Schuster liebt den extrem pragmatischen Ansatz. Das ist ein glühender Verfechter des Ergebnisfußballs. Ballbesitz? Uninteressant. Rennen bis die Socken qualmen. Eng und vor allem knochenhart verteidigen. Abseitsfalle perfektionieren. Das Mittelfeld zu einem Presswerk umschulen. Konterspiel über die Flügel. Und über allem steht: Standards üben bis der Schädel brummt – und sehr, sehr viele Tore damit machen.

Nach diesem Muster hat Schuster die Rebellen vom SV Darmstadt 98 in der Liga gehalten. In Augsburg müssen die 05er in der Abwehr definitiv bis zur letzten Sekunde hellwach bleiben: Eine Schuster-Elf, mögliche Rückstände hin oder her, ist erst dann geschlagen, wenn sie wieder geduscht im Bus sitzt und keine Ecken oder Freistöße mehr schießen kann.