Rehberg: Mainz 05 hervorragend gelesen

Hatte gegen den VfB Stuttgart nicht seinen besten Tag: Danny Latza. Foto: dpa

Diese Art von einem Torlosremis an einem feucht-kalten Abend reißt die Zuschauer nicht aus ihren Sitzschalen. Aber interessant war das ereignislose 0:0 zwischen den 05ern und...

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. Diese Art von einem Torlosremis an einem eklig feucht-kalten Abend vor dem zweiten Advent reißt die winterlich vermummten Zuschauer nicht aus ihren Sitzschalen. Natürlich nicht. Aber interessant war das in beiden Strafräumen bis auf wenige Ausnahmen ereignislose 0:0 zwischen den 05ern und dem VfB Stuttgart dennoch. Weil diese 90 Minuten wieder einmal deutlich gemacht haben, dass es relativ einfach ist, einer Mannschaft ein funktionierendes Defensivkonzept einzutrichtern. Und weil sich die Annahme bestätigt hat, dass es die schwierigste Aufgabe im Fußball ist und bleibt, einen in der eigenen Hälfte sehr gut organisiert verteidigenden und mit Kontertalent ausgestatteten Gegner auf der Basis eines unfreiwillig hohen Ballbesitzanteils aus den Schuhen kombinieren zu müssen.

Natürlich ist das ein wenig paradox. Der Gegner gestattet der Heimmannschaft eine gewisse Feldüberlegenheit. Und genau daraus entsteht für die in die Spielmacherrolle gedrängte Elf ein merkwürdiger Handlungsdruck. Der war bei den 05-Profis fast durchgehend spürbar am Freitagabend in der Coface Arena - gegen den von Jürgen Kramny aufgefrischten und im Defensivspiel disziplinierten Tabellenvorletzten aus Stuttgart. Wahrscheinlich hätte Martin Schmidt in der Halbzeitpause gerne mal an der Kabinentür des VfB angeklopft und beim Trainerkollegen eine Nachricht hinterlegt: Hör mal zu Kramny, du hast da etwas falsch verstanden – WIR sind hier die defensiv gestählten Umschaltspezialisten. Und der Ex-05-Profi hätte dann womöglich geantwortet: Schmidt, schleich dich, genau deshalb drücken wir euch ja die Ballbesitzrolle auf, weil wir wissen, dass ihr das weniger gut beherrscht als eure überfallartigen Tempoattacken. Und der Mainzer Kollege hätte womöglich gemurmelt: Ja, ja, ist schon gut – WIR machen das ja mit vielen anderen Gegnern auch nicht anders, am liebsten auswärts.

Ballbesitzfußball ist für Umschaltmannschaft unangenehm

Was macht aufgenötigter Ballbesitzfußball für eine klassische Umschaltmannschaft so unangenehm? Zunächst einmal ist es schwierig, sich binnen der 90 Minuten mental und emotional belebende Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Die 05er sind es gewohnt, sich über eine gute Verteidigung, über Zweikampferfolge, über Balleroberungen und über erste schnelle Umschaltversuche sukzessive ein gutes Gefühl zu erarbeiten. In der Ballbesitzrolle lässt sich die mentale Verstärkung aber nur aufbauen über angekommene Pässe und Torchancen. Was im Umkehrschluss heißt: Bleiben die Pässe im gegnerischen Defensivdickicht hängen und die Strafraumszenen bleiben aus, dann vermittelt das von Minute zu Minute mehr ein Defizitgefühl. Und die Feldüberlegenheit wird endgültig als Belastung wahrgenommen, wenn der Gegner mit viel weniger Offensivaufwand mit seinen Kontern auch noch torgefährlicher ist.

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Die nötige tief verankerte Ballbesitzmentalität, in torungefährlichen Räumen geduldig auf die entscheidenden Momente hinzuarbeiten ohne unzufrieden und hektisch zu werden, hat in der Bundesliga nur der FC Bayern München. Und wie gewinnt der Branchengigant diese seine ständigen Ballbesitzspiele in den häufigsten Fällen? Mit individuellen Topaktionen im letzten Drittel des Spielfeldes - auf der Basis überragender individueller Qualität im Angriff. Da sind die 05er inzwischen auch gut besetzt, wahrscheinlich sogar schon leicht überdurchschnittlich. Das aber ausschließlich mit Tempoprofilen für das Spiel in geöffneten Räumen: Yunus Malli ist ein klassischer Umschaltzehner, Pablo de Blasis, Jairo und Yoshinori Muto sind klassische Konterstürmer.

Ungewohnt

Der Unterschied? In der Umschaltung agieren diese eher kleinen, schnellen und wendigen Offensivspieler mit dem Gesicht zum gegnerischen Tor und mit geraden Laufwegen in Räume hinein, in denen der Gegner nach Ballverlusten gerade defensiv nicht perfekt organisiert ist. In einem Ballbesitzspiel müssen diese leichtgewichtigen Offensivspieler die Bälle meistens mit dem Rücken zum Tor annehmen, und das in dicht besiedelten Zonen, in denen ein direkt in den Kniekehlen hängender aggressiver Gegenspieler sofort Zugriff hat – und wenn der das nicht schafft, dann greift da im Abstand von ein, zwei Metern eben der Nebenmann ein. Das ist ungewohnt für Malli, der gerne aus der Tiefe des Raums seine Tempodribblings ansetzt. Das ist ungewohnt für Muto, der als Mittelstürmer mit dem Rücken zum Tor gegen fast zwei Meter hohe und 90 Kilogramm schwere Innenverteidigerhünen keine Körperverdrängung einzubringen hat. Und das ist ungewohnt für Jairo und de Blasis, die weniger wirkungsvoll sind, wenn sie keine Möglichkeit bekommen, direkt mit der Ballannahme Tempo aufzunehmen.

Und natürlich fehlen den Mainzern in ihrem auf Umschaltspiel ausgerichteten Kader auch die im Passspiel überdurchschnittlich befähigten Innen- und Außenverteidiger. Und der strategisch begabte Mittelfeldsechser Danny Latza hatte gegen den VfB einfach mal keinen guten Tag beim Griff in sein Passrepertoire. Das passiert.

Kramny trifft richtige Maßnahmen

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Und dann ist es insgesamt zu akzeptieren, dass Jürgen Kramny diese Mainzer Mannschaft sehr gut gelesen hat, dass der kluge VfB-Interimscoach die geeigneten Gegenmaßnahmen getroffen hat, dass die 05er im Ballbesitz die bespielbaren Räume nicht gefunden haben, dass der gegnerische Torhüter Przemyslaw Tyton gegen Muto und de Blasis zwei überragende Paraden ausgepackt hat und dass es dann eben mal auf Strecke zäh wird. Einen noch von Alexander Zorniger trainierten VfB hätten die 05er womöglich mit 4:2 ausgekontert. Nicht unterschätzen sollte man aber, dass die 05er die Konterversuche der Stuttgarter über 90 Minuten hoch konzentriert abgeklemmt haben bis auf ganz wenige Ausnahmen. Auch das ist eine Leistung.

Und dann ist ein 0:0 an einem bestimmten Tag in einer ungewohnten Konstellation auch mal ein gutes Ergebnis. Und 24 Punkte vor dem letzten Hinrunden-Spieltag sprechen dafür, dass der von Martin Schmidt gewählte Umschaltansatz erfolgreich ist. Was nicht ausschließt, dass diese erneut neu zusammengestellte Mannschaft im Verlauf der Rückrunde auch noch in den Passmustern eine Weiterentwicklung erlebt.