Rehberg: Mainz 05 mit ehrlichem Fußball, frei nach dem...

Yoshinori Muto. Foto: dpa

Die 05er spielen das, was man früher mal als ehrlichen Fußball bezeichnet hat. Viel laufen, schnell laufen, oft schnell laufen, konzentriert verteidigen, Bälle jagen,...

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. „Unser Spiel ist sehr einfach strukturiert, sehr geradlinig“, erklärte Martin Schmidt später. Das klang fast ein wenig entschuldigend. Was der Trainer nach dem nie gefährdeten 3:0 gegen Hannover 96 ausdrücken wollte, war wahrscheinlich: Die 05er spielen das, was man früher mal als ehrlichen Fußball bezeichnet hat. Viel laufen, schnell laufen, oft schnell laufen, konzentriert verteidigen, Bälle jagen, Zweikämpfe gewinnen - und ab nach vorne, Tempoangriffe abfeuern. So steht es im 05-Grundgesetzbuch. Und Schmidt und seine Elf liefern.

Den Zuschauern gefällt das, die Stimmung in der Coface Arena war prächtig. Hannover 96 fand in Mainz keine Mittel gegen diese kollektive Wucht in dieser wilden Atmosphäre. Der Klub steht nach drei Spieltagen mit sechs Punkten ausgesprochen komfortabel da. Und die Mannschaft hat sich selbst bewiesen, dass man mit diesem Fußballansatz Gegner aus den Schuhen kämpfen und spielen, dass man mit dieser ebenso pragmatischen wie leidenschaftlichen Herangehensweise in diesem Stadion Fußballfeste zelebrieren kann. Wobei angemerkt sei: In der Spieleröffnung – oft mit Baumgartlinger zwischen den Innenverteidigern – und in der Mittelfeldüberbrückung im Kombinationsmodus haben die 05er einen notwendigen Entwicklungsprozess begonnen.

Schwierige Vorzeichen

Und das unter nicht ganz einfachen Vorzeichen. Mit Joo Ho Park war am Freitag nach Johannes Geis und Shinji Okazaki der dritte Leistungsträger abgewandert. Der im Defensivverhalten und im Passspiel hochbegabte Linksverteidiger/Mittelfeldspieler dürfte mit der Unterschrift in Dortmund seine Bezüge mindestens verdoppelt haben, dazu kommen Auftritte auf der europäischen Bühne, da darf man den von Thomas Tuchel angeworbenen 28-Jährigen nur beglückwünschen. Mehr und längere Einsatzzeiten hätte der Südkoreaner sicher in Mainz gehabt.

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Erschwerend kam hinzu, dass Geis-Nachfolger Fabian Frei schon nach acht Minuten das Feld verlassen musste wegen muskulärer Probleme. Der letztjährige Zweitligaspieler Danny Latza übernahm den zentralen Job. Der 26-Jährige, 2008 U19-Europameister mit dem DFB-Team, übrigens an der Seite von Real-Madrid-Star Tony Kroos, war präsent, er spulte ein bemerkenswertes Laufpensum ab, er eroberte Bälle, er spielte kluge Pässe, das Wechselspiel mit dem mal defensiver, mal offensiver orientierten Baumgartlinger funktionierte. Latza hat die Anpassung an die Bundesligaintensität vollzogen.

Balogun bringt Körpergröße

Schmidt hatte auch Erfolg mit der durchaus nicht risikolosen Nominierung von Leon Balogun für den erfahreneren Daniel Brosinski. Der 05-Trainer benötigte gegen die vielen Riesen im Hannoveraner Team Körpergröße in der Luftverteidigung von Standards. Der 1,90 Meter lange Balogun hatte in diesen Situationen den 1,96 Meter großen Mittelfeldabräumer Salif Sané zu bewachen. Das funktionierte perfekt.

Im Spiel benötigte Balogun, in der Vorsaison ebenfalls noch ein Zweitligabeschäftigter, Anlaufzeit, er räumte als Rechtsverteidiger seinen Gegenspielern lange zu viel Zeit ein zur Ballannahme und zur Vorbereitung eines Dribblings, auch im Passspiel wirkte der Ex-Darmstädter zunächst unsicher. Gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit gelangen Balogun ein paar Monstergrätschen, nach diesen persönlichen Erfolgserlebnissen war er da als Defensivspezialist. Park-Ersatz Pierre Bengtsson bot als Linksverteidiger eine hervorragende Offensivleistung, in Breite und Tiefe immer anspielbar am Flügel, immer mit Druck auf dem Schläger.

Insgesamt strahlte die 4B-Abwehr - Balogun, Bungert, Bell, Bengtsson, später kam Brosinski für Balogun, ab Montag wird wohl noch ein Franzose namens Bussmann als Backup für Bengtsson im Kader stehen - eine große Sicherheit aus. In der ersten Halbzeit gelang Hannover 96 ein einziger halbwegs gefährlicher Torabschluss, das war ein Weitschuss von Sané Sekunden vor dem Pausenpfiff. Erst als die 05er nach dem 3:0 und einem bis dahin gewaltigen physischen Aufwand Luft holten bei Temperaturen um die 30 Grad, da hatten die Gäste vier nette Torchancen, unter anderem einen Pfostenböller von Sané. Da war die Partie längst entschieden.

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Hannover konzept- und seelenlos

Die Basis für den ersten Heimsieg in dieser Saison war Arbeit, von Leidenschaft, Überzeugung und Willen gespeiste Maloche. Das ergab aktive Balleroberungen innerhalb des eng organisierten Defensivgeheges. Das Führungstor war der Büchsenöffner, die entscheidende emotionale Verstärkung für das folgende flexible, tempogeladene Offensivspiel. Ab diesem Zeitpunkt wurden die merkwürdig konzeptlosen, seelenlos verteidigenden und mit untauglichen langen Bällen ihre drei auf einer Linie stehenden Stürmer vergeblich suchenden Hannoveraner für eine halbe Stunde von Mainzer Balljagd- und Umschalt-Lawinen überrollt.

Wobei die Tore ganz anderen Situationen entsprangen. Das 1:0 war alles andere als einfach strukturiert, das war ein spielerisches Glanzstück. Jairos perfekt getimter No-look-Pass durchs Zentrum auf Yoshinori Muto, der sich blitzschnell vom 96-Stopperhünen Marcelo gelöst hatte beim Sprint in die Abwehrlücke, dann der präzise Abschluss des wieselflinken Japaners mit dem linken Fuß ins lange Eck – diese Künstleraktion riss die Zuschauer von den Sitzen. Beim 2:0 köpfte Stefan Bell geschickt einen Eckball als Bogenlampe aufs lange Eck, der gierige Muto war im Rücken des Torhüters durchgelaufen, der Mittelstürmer musste nur noch einnicken. Beim 3:0 presste der aggressiv anlaufende Muto den behäbigen Marcelo in der Spieleröffnung, Yunus Malli lief mit der Kugel davon, umkurvte Keeper Ron-Robert Zieler und versenkte die Kugel im leeren Kasten.

Offensivtandem sorgt für Furore

Was sich beim 2:1-Coup in Gladbach angedeutet hatte, das erhärtete sich gegen Hannover 96: Malli und Muto, das ist ein Offensivtandem, das in dieser Liga noch für mehr Aufsehen sorgen kann. Mallis Bewegungsradius war enorm, der leichtfüßige Techniker, der die Bälle diesmal auf einer Fläche von 40 bis 50 Quadratmetern forderte und abholte, schuf mit seinen Tempodribblings die bespielbaren Räume im Zentrum. Muto war ständig bereit, mit seinen Lückensprints - kurze Absetzbewegungen mit zwei, drei schnellen Schritten weg vom Gegenspieler – der Zielspieler zu sein für die durchgesteckten Tiefenpässe des Zehners.

In der Offensive waren Malli und Muto die Schlüsselspieler. Der Deutschtürke hielt seinen nicht überragend fleißigen Gegenspieler Sané phasenweise zum Narren. Der Japaner, der noch mitten in der Bundesligaausbildung steckt, vermittelte den 96-Innenverteidigern - mit Ball und ohne Ball, mit dem Rücken zum Tor und mit dem Gesicht zum Tor – das Gefühl, sie hätten an diesem Tag die Dynamik von Parkuhren. Der noch unfertige Yoshinori Muto, der in seinen Bewegungen an den früheren Milan-Torjäger Filippo Inzaghi erinnert, hat das, was man nicht lernen kann: Ausstrahlung. Könnte sein, dass da ein neuer Publikumsliebling heranwächst. Die erste „Humba“ hat er hinter sich.