Rehberg: Matter Auftritt der deutschen Offensive gegen Polen

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Ein torloses Unentschieden gegen Polen: Der zweite EM-Auftritt der deutschen Mannschaft blieb eher glanzlos. In der Abwehr wacklig und in der Offensive ideenlos - so die Kritik...

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. Man hätte darauf wetten sollen. Die Anspannung hat gereicht, um mit einer Steigerung in der Defensive die gegnerische Galaoffensive unter Kontrolle zu halten. Mehr konnte sich die DFB-Elf nicht abringen in ihrem zweiten Gruppenspiel bei dieser EM in Frankreich. 0:0 gegen Polen im Stade de France in St. Denis. Nach einem erneut sehr matten Auftritt in der Offensive. Der Bundestrainer kann damit gut leben. Das Ergebnis stellt den Deutschen keine Hürden in den Weg, der angestrebte Gruppensieg ist machbar mit einem Arbeitssieg gegen Nordirland. Kein Gegentor nach zwei Spielen ist immer gut. Und Joachim Löw hat genügend Arbeitsthemen für die wettkampffreie Zeit im Quartier am Genfer See. Die Spieler werden ihm zuhören. Die mangelnde Torgefahr geht sogar dem Abwehrchef schon auf den Wecker. Jerome Boateng grummelte in Paris unüberhörbar nach dem konturlosen Gekicke in der Angriffsabteilung. „So werden wir hier nicht viel erreichen…“

Im französischen Fachmagazin L´Equipe ist Slaven Bilic der für die deutsche Mannschaft zuständige Fachkommentator. Der Trainer von West Ham United, der bekanntlich beim EM-Turnier 1996 in England im Viertelfinalspiel Kroatien gegen Deutschland ein paar unschöne Szenen produziert hatte als kroatischer Abwehrchef, hält vom Weltmeister überhaupt nichts. Nichts an dieser Mannschaft könne ihn beeindrucken, hat Bilic dieser Tage den Deutschen aufgeschrieben. Dabei war das 2:0 gegen die Ukraine ja gar nicht so übel. Zu emotionalen Höhepunkten wie Boatengs Rettungstat auf der Torlinie oder Bastian Schweinsteigers Sprintakkord kurz vor dem Abpfiff hat der Kroate aber nun mal keine Beziehung.

Also stürzt sich der strenge Analytiker darauf, dass die DFB-Elf schon seit zwei Jahren in der Abwehr wacklig und in der Offensive ideenlos sei. An dieser Einschätzung des Analytikers, der bei West Ham den aktuell von den Franzosen gefeierten Last-minute-Spezialisten Dimitri Payet in Form gebracht hat, wird sich auch nach dem Polen-Spiel nicht viel geändert haben.

Polen keine gefährlichen Konter gestatten

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Löw muss das nicht interessieren. Der Chefdenker wollte den Polen ganz oben auf der Agenda keine gefährlichen Konter gestatten. Das hat funktioniert. Boateng und der wieder gesunde Mats Hummels lieferten sich einige sehenswerte Zweikämpfe mit dem ihnen bestens bekannten Robert Lewandowski. Der Weltklassemittelstürmer blieb trotz einer engagierten Leistung chancenlos. Nebenmann Arkadiusz Milik hatte eine riesige Kopfballmöglichkeit, das war´s. Die Umschaltüberfälle der polnischen rechten Flügelzange mit Lukasz Pisczek und Jakub Blaszczykowski blieben aus, diese gefürchteten Sprintaktionen klemmten die Deutschen schon in der Entstehung ab. Da wirkte sich aus, dass die offensive Dreierreihe in der Arbeit gegen den Ball diesmal wacher war. Auch Linksverteidiger Jonas Hector steigerte sich im Stellungsspiel und in der Aggressivität im Zweikampf. Und Sami Khedira baute in sein Spiel als zweiter Sechser mehr Absicherungselemente ein.

Was noch überhaupt nicht stimmt, das ist das Verhältnis zwischen intelligenter Spieleröffnung/sicherem Aufbauspiel und Tempo, Durchschlagskraft und Torgefahr im Angriff. Mit viel gutem Willen mag man Thomas Müller Arbeitseifer, Mesut Özil einen etwas größeren Bewegungsradius und Offensivverteidiger Hector ein paar wuchtige Flügelaktionen bescheinigen. Insgesamt aber stand das Spiel in den torgefährlichen Räumen. Die Beschleunigungsimpulse fehlten. Julian Draxler wirkt bei dieser EM, als wüsste er gar nicht, wohin mit sich und wohin mit dem Ball. Tempodribblings, Sprints, Finten? Das technisch begnadete Talent setzt an - und bricht umgehend wieder ab. Das gilt auch für Mario Götze. Der Weltmeisterheld bewegt sich seit sechs Jahren auf der großen Bühne - und schwankt in vielen Szenen immer noch zwischen unsicher-ungelenk und übermotiviert-ungelenk. Wie ein Jugendspieler. Eine merkwürdige Ausstrahlung für einen 24-Jährigen, der bei einem europäischen Topklub angestellt ist.

Müller geht noch die Leichtigkeit ab

Müller macht und tut, doch dem Freigeist geht (noch) die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit ab. Özil ist diesmal mehr gerannt, aber Pässe in die Schnittstellen der gegnerischen Abwehr traut sich der Techniker gar nicht zu spielen. Auch die Antritte mit Ball am Fuß Richtung Strafraum sieht man nicht von dem Chanceneinfädler, der ja in der Premier League in der Torvorbereitungssparte nur ganz knapp einen neuen Rekord verpasst hat. Özil ist bei Arsenal gut drauf, dann kommt das große Turnier – und Özil wird zum Zweifler. Der einzige Spieler, der entschlossen Laufwege im Sprinttempo einbrachte, war der eingewechselte André Schürrle.

Die rechte Angriffsseite ist eine Baustelle. Müller turnt gerne in den zentraleren Zonen und im Strafraum herum, genau das macht den schlaksigen Torjäger ja so unberechenbar. Außenverteidiger Höwedes ist in diesen Momenten seitlich durchaus präsent, er schleicht sich rein in die entstehenden Freiräume. Aber der Output bleibt bescheiden. Zum Vorwurf machen darf man das dem Schalker nicht. Er hat Innenverteidiger gelernt.

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Höwedes/Müller – ein Verteidiger, der kein Außen- und schon gar kein Offensivverteidiger ist plus ein Stürmer, der kein Außenstürmer ist - das passt als Flügeltandem nicht so recht zusammen. Ja, klar, würde Löw wahrscheinlich antworten auf diese Kritik: Das war 2014 in Brasilien mit Höwedes und Özil auf der linken Seite nicht anders – und da sind wir Weltmeister geworden. Da sollen sich der Benedikt und der Thomas jetzt mal ein bisschen zusammenreißen.