Rehberg: Nach dem Gomez-Rücktritt fehlt dem DFB der...

Mario Gomez ist aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zurück getreten. Foto: dpa

Stürmer Mario Gomez hat seinen Rücktritt aus den Reihen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft verkündet. Laut Kolumnist Reinhard Rehberg ist dies leistungsmäßig kein...

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. Nach Mesut Özil ist nun auch Mario Gomez aus der deutschen Nationalmannschaft zurückgetreten. Der Mittelstürmer hat sich eine Hintertür offengelassen. Sollte der Nationaltrainer bei der EM 2020 einen Angreifer mit diesem Profil benötigen, dann, so Gomez, könne er sich vorstellen, noch mal auf den Zug aufzuspringen und ein Turnier für den DFB zu spielen.

Das klingt nach Selbstüberschätzung. Gomez stand im Kader bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2018, er stand im Kader bei den Europameisterschaften 2008, 2012 und 2016. Fünf große Turniere, bei denen der Torjäger nie Spuren hinterlassen hat. Da stellt sich die Frage, warum Joachim Löw auf die Idee kommen sollte, dass der Hüne aus Stuttgart 2020 im Alter von dann 35 Jahren wichtig sein sollte für die DFB-Elf. Wenn auf dieser Position in all den Jahren jemand verlässlich Leistung produziert hat, dann war das Miroslav Klose. Gomez war in seinen 78 Länderspielen nie mehr als ein Mitläufer. Klingt hart. Aber die technischen Fähigkeiten eines Mesut Özil werden Joachim Löw künftig mehr fehlen als die bei internationalen Höhepunkten selten zu Tage getretene Torgefährlichkeit von Gomez.

Dennoch weist das Hintertürchen, dessen Klinke Gomez offensichtlich nicht aus den Augen verlieren will, darauf hin: Da hat ein 33-Jähriger erkannt, dass sein Profil im Sturmzentrum Mangelware ist im deutschen Fußball – und auch mittelfristig Mangelware bleiben wird. Die Richtung vorgegeben hatte vor ein paar Jahren Löws Chefanalytiker Urs Siegenthaler. Der Schweizer setzte mal das Bild in die Welt, wonach man im dichten Großstadtverkehr oder auf engen Parkplätzen mit einem beweglichen Mini leichter rangieren könne als mit einem wuchtigen SUV.

1,90-Meter-Kanten wurden nur noch geduldet

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Das klang irgendwie einleuchtend. Und da die Spanier mit dem sogenannten „falschen Neuner“ von Erfolg zu Erfolg eilten, war man auch in Deutschland der Meinung, diese groß gewachsenen Mittelstürmer sind im zeitgemäßen Kettenverschiebe- und Raumverengungsfußball überflüssig geworden. Die kleinen, wendigen, beweglichen, flexibel in unterschiedlichen Räumen dribbelnden Techniker wurden gefeiert. Die 1,90-Meter-Kanten wurden nur noch geduldet; als Beispiel für die Untauglichkeit dieser wuchtigen Hirten auf der Mittelstürmerposition musste oft Mario Gomez herhalten.

Diese gedankliche Ausschließlichkeit hat eine falsche Entwicklung eingeleitet. Denn auch physisch präsente Hünen können eine Bedeutung haben im dichten „Strafraumverkehr“. Frankreich und Kroatien etwa hatten im Endspiel der WM 2018 mit Olivier Giroud und Mario Mandzukic zwei Leuchttürme im Zentrum, die sehr viel gearbeitet haben, die Innenverteidiger beschäftigt und gebunden haben, die Lücken gerissen, Wege freigesperrt und Kopfballablagen produziert haben für einlaufende Halbstürmer – und die im Falle von Mandzukic auch Tore erzielt haben. Die WM-Halbfinalisten Belgien und England hatten mit Romelu Lukaku und Harry Kane jeweils ein ähnliches Angreiferprofil am Start.

In der Bundesliga gibt es keine Stürmertypen wie Mandzukic oder Kane

Und plötzlich setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch physische Präsenz wieder einen Wert haben kann in der gegnerischen Box. Das Problem: Die Deutschen haben auf diesem Gebiet überhaupt keine Auswahl. Mario Gomez und Sandro Wagner spielen nur noch für ihre Klubs. Ansonsten gibt es bei Hertha BSC den schlaksigen Davie Selke. Das war´s. Und der Berliner fällt nun zunächst mal für einige Wochen verletzt aus.

Das Problem bei Gomez war nie, dass er groß gewachsen ist. Das Problem war, dass Gomez nur in der Abschlusssituation etwas mit der Kugel anfangen konnte. Nirgendwo steht aber geschrieben, dass ein langer und torgefährlicher Mittelstürmer nicht auch schnell, beweglich und technisch gut ausgebildet sein könnte. Dieses Profil wieder zu pflegen, das ist eine Aufgabe für die Ausbilder in den deutschen Nachwuchsleistungszentren. Binnen zwei Jahren wird das nicht funktionieren. Vorerst muss sich Löw behelfen mit dem kleinen Konterstürmer Timo Werner. Typen wie Giroud, Mandzukic, Lukaku oder Kane sind in der Bundesliga nicht zu finden. Und wenn, dann haben diese Mittelstürmer keinen deutschen Pass. Von daher ist nicht mal auszuschließen, dass vor der EM 2020 noch mal der Name Mario Gomez gehandelt wird.