Rehberg: Nürnberg braucht ein Wunder

Die Nürnberger Spieler stehen nach dem Abpfiff zusammen. Foto: dpa

Der neunmalige Deutsche Meister 1. FC Nürnberg ist - mal wieder - Tabellenletzter. Nur noch ein mittleres Wunder kann die „Fahrstuhlmannschaft“ noch vor dem erneuten...

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. „Der Club is a Depp!“, heißt es auf fränkisch im Frankenland. Im Vereinslied wird der Refrain eingeleitet mit: „Die Legende lebt…“ Damit ist schon fast alles gesagt. Bundesligaletzter ist der neunmalige Deutsche Meister 1. FC Nürnberg mal wieder. Nur noch ein mittleres Wunder kann die „Fahrstuhlmannschaft“ noch vor dem erneuten Abstieg und einer weiteren Zweitligasaison bewahren.

Und dieses Unterfangen betreibt der Club aktuell mit einem Interimstrainer und ohne Manager. Der Vorstand? Da sitzt ein Finanzfachmann. Ende. Fußballkompetenz? Nicht vorhanden. Der Aufsichtsrat? Da heißt es, am meisten von dieser Sportart verstünde noch das Mitglied Günther Koch. Der einstige Radio- und Fernsehreporter mit Kultstatus, glühender Club-Fan von Kindesbeinen an, ist inzwischen 77 Jahre alt. Koch ist mehr ein Fußballhistoriker, als dass er sich in diesem Fußballgeschäft im Detail auskennen würde.

Den Sportvorstand Andreas Bornemann hat der Klub kürzlich beurlaubt. Weil der Mann, der mit seiner Arbeit die Rückkehr in die Erste Liga organisiert hatte, ganz weit weg von dem Gedanken war, den erfolglosen Cheftrainer zu entlassen. Das war Michael Köllner, ein Worcaholic, der nebenbei auch noch das Nachwuchs-Leistungszentrum verantwortete. Mit einem Zug hat die Klubführung mitten im Abstiegskampf das gesamte Fußball-Knowhow entlassen. Bornemann weg. Köllner weg. Co-Trainer Boris Schommers müht sich seit zwei Spieltagen darum, Luft unter die lahmen Flügel zu blasen.

Die Mannschaft hatte immer einen Plan

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0:0 zu Hause gegen Borussia Dortmund, ein Achtungserfolg. Dann kam das 1:2 in Düsseldorf. Am Samstag schlägt RB Leipzig in Nürnberg auf. Danach will der Aufsichtsrat einen neuen Manager gefunden haben. Und der soll dann den neuen Cheftrainer auf den Stuhl setzen. Bis dahin kann die Mission Klassenverbleib schon gescheitert sein.

Und in diesem Falle, sagt ein Nürnberger Journalist, hätte man sich die Entlassung der beiden Sportchefs auch sparen können. Dann hätte man mit den nachweislich fachkundigen und arbeitswütigen Bornemann und Köllner auch den direkten Wiederaufstieg angehen können. Denn abgrundtiefschlecht haben die Nürnberger ja nicht gespielt in der Eliteliga. Die Mannschaft hatte immer einen Plan. Der war ausgerichtet auf Ballbesitzfußball. Man kann das naiv nennen vor dem Hintergrund, dass der Club nicht einen einzigen wirklich torgefährlichen Stürmer in seinen Reihen hat. Aber: In der Zweiten Liga hätte dieser mutige Ansatz sicher wieder gefruchtet; die Erstligaerfahrung dieser jungen Mannschaft wäre noch dazugekommen.

Die Kritik, Köllner sei beratungsresistent gewesen, mag stimmen oder auch nicht. Aus der Distanz betrachtet fragt man sich jedoch: Wer beim Club hat sich herausgenommen, den Cheftrainer fachlich beraten zu wollen? In den Gremien findet sich bekanntlich niemand mit sportlichem Sachverstand. Der erfahrene Manager Bornemann war überzeugt von Köllners Arbeit. Wie gesagt: Beide weg.

Die letzten vier Klubs in der Bundesligatabelle sind immer noch eng beieinander. Aber dass der 1. FC Nürnberg sich noch rettet, das ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Der Club fängt inhaltlich gerade noch mal ganz von vorne an. Bei einem nicht unerheblichen Schuldenstand. Der Club is a Depp, sagen die Franken. Aber die Legende lebt. Viel mehr ist es im Moment nicht.