Rehberg: Sinn und Unsinn von Saisonprognosen

Recken die Bayern mit Trainer Niko Kovac am Saisonende wieder die Schale in die Luft? Eine Prognose ist schwierig bis unmöglich. Foto: dpa

Vor dem Start der Bundesligasaison spießen sie wieder aus dem Kraut, die Vorhersagen: Meister, Absteiger, Überraschungsmannschaft, wer hat sich am besten verstärkt. Das macht...

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. Saisonprognosen. Wer wird Meister? Wer ist der härteste Konkurrent? Wer kommt in die Champions League? Wer ist die Überraschungsmannschaft? Wer steigt ab? Wer ist der erste Trainer, der rausfliegt?

Journalisten betreiben diese Wahrscheinlichkeitsrechnungen, mal mit mehr, mal mit weniger Augenzwinkerei. Aufgepeppte Online-Umfragen beschäftigen sich mit diesen Themen. Experten schauen mit blutigem Ernst in die Glaskugel. Neulich war ich in einer Kneipe, da darf man seine persönliche Endtabelle in Miniaturformat und mit Signatur an eine Pinnwand heften: Zehn Euro Einsatz, wer im Mai 2020 die meisten richtigen Platzierungen ausweist, der schnappt den Pott. Das ist gut. Da kann keiner im Mai behaupten, er habe doch genau diese Endtabelle an diesem Tisch Anfang August 2019 vorhergesagt.

Nette Spielerei

Auch im Fernsehen wird bereits seit Wochen diskutiert. Viele Sätze beginnen mit „Ich glaube...“ Genau da gehört der Prognosen-Wettbewerb hin. Eine nette Spielerei. Glauben. Diskussionsstoff. Tresenplauderei. Die Bayern werden wieder Meister! Nein, Borussia Dortmund hat sich besser verstärkt...! Vergesst mir RB Leipzig und Bayer Leverkusen nicht...! Der SC Paderborn und Union Berlin haben keine Chance, die steigen ab...! Neeeein, Schalke steigt ab...! Eintracht Frankfurt hat seine beiden Torjäger verloren, wartet ab, die stehen vor einer ganz schwierigen Saison...! Und so weiter... Wunderbar. Diese Streitereien machen Spaß und beleben den Alltag.

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Rein fachlich lassen sich viele Entwicklungen überhaupt nicht vorhersagen. In der Vorsaison ist der FC Bayern nach einem überragenden Start wie aus dem Nichts eingebrochen. Später hat der BVB einen 9-Punkte-Vorsprung vergeigt. Lässt sich das prognostizieren? Überhaupt nicht. Aktuell ist beim FCB noch nicht mal der Kader komplett. Wer weiß, ob der Titelverteidiger im Sommerschlussverkauf nicht noch ein paar Perlen fischt? Und wer weiß, ob in Dortmund Spieler wie Nico Schulz, Julian Brandt oder Thorgan Hazard auf dem höchsten Niveau tatsächlich entscheidende Verstärkungen sind?

Keine Konstanz

Für alle 18 Klubs gilt: Keine Mannschaft spielt über eine komplette Saison auf ihrem bestmöglichen Level – und dann geht es darum, wer auch in seinen schwächeren Phasen in der Lage ist, die Überzeugung hochzuhalten und auch mit mittelprächtigen Leistungen Punkte einzusammeln. Umgekehrt gibt es Mannschaften, die trotz guter Vorstellungen die Hütte nicht treffen, in guten Phasen keine Ergebnisse machen, dann mental abrutschen und wegen schlechter Leistungen nicht mal mehr in die Nähe von Punktgewinnen kommen. Lässt sich prognostizieren, welche Mannschaft welche Phasen mit welchen Erträgen durchleben wird? Überhaupt nicht. Das gilt zum Beispiel auch für kaum mehr kompensierbares Verletzungspech.

Wir können auch nicht deuten, welche Rolle in dieser Saison die Schiedsrichter und die Videoassistenten spielen werden. Wir können nur darauf hoffen, dass in entscheidenden Situationen möglichst wenig Fehler passieren. Und wenn doch, dann sollte sich das möglichst auf alle Mannschaften verteilen. Insgesamt wäre es wünschenswert, dass möglichst wenig über dieses Thema diskutiert werden muss. Zuletzt hatte man den Eindruck, dass sich viele aus dem Schiedsrichter- und Videoüberwachungsgeschäft sehr gerne reden hören. Und dann fällt auf: In Nuancen gibt es immer wieder Unterschiede in den Regelinterpretationen. Wahrscheinlich ist es so: Irgendwann ist alles gesagt – nur noch nicht von allen, die sich wichtig fühlen.