Rehberg: So kann 05 die Eintracht knacken

Einsatz: 05-Angreifer Maxim Choupo-Moting (rechts) gegen den Augsburger Paul Verhaegh. Foto: dpa

Die Rhein-Main-Kontrahenten begegnen sich auf Augenhöhe. Mainz 05 befindet sich aber - im Gegensatz zu Eintracht Frankfurt - auf dem Weg in den Europapokal. Wo die Mainzer in...

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. Natürlich fehlt diesem Rhein-Main-Derby die lange Tradition. Das erste Pflichtspiel zwischen dem FSV Mainz 05 und Eintracht Frankfurt ereignete sich nun mal erst im Oktober 1986. Im DFB-Pokal gewann der hessische Bundesligist am Bruchweg nach Verlängerung mit 1:0. Da lagen strukturell Welten zwischen beiden Klubs. Die 05er waren Oberligist, die Gegner hießen FK Clausen, ASC Dudweiler oder SV Leiwen. Die Frankfurter reisten an mit Topspielern wie Thomas Berthold, Charly Körbel, Manni Binz und Andy Möller. Die Eintracht musste schon absteigen, damit sich beide Klubs im Oktober 1996 erstmals in einem Ligaspiel duellieren durften. 2:2 hieß es am Bruchweg. Die Frankfurter hatten jetzt Spieler am Start, von denen heute nur noch Uwe Bindewald und Maurizio Gaudino überregional bekannt sind. Bei den 05ern wurde Jürgen Klopp erst in der 90. Minute eingewechselt. Für Torsten Lieberknecht.

Zurück zu jenem Pokalspiel. Im Mainzer Kasten stand damals Moppes Petz, später in der Zweiten Liga die Nummer zwei hinter Stephan Kuhnert. Petz ist inzwischen Torwarttrainer bei der Eintracht, Kuhnert macht diesen Job bei den 05ern. Und damit sind wir in der Gegenwart. Die Rhein-Main-Kontrahenten bewegen sich mittlerweile in der deutschen Eliteliga auf Augenhöhe.

Nennenswerte Differenz in der Defensivstatistik

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Die Mainzer haben eine Europapokalchance, die Eintracht steckt mit einem sehr ähnlichen Potenzial im erweiterten Abstiegskampf. Im Vorjahr waren die Frankfurter in die Europa League eingezogen, mit am Ende neun Zählern mehr auf dem Konto als die Mainzer. Die damals fußballerisch auch kaum schlechter waren als die Eintracht. In der aktuellen Rückrunde hat die Elf von Armin Veh gerade mal drei Punkte weniger eingesammelt als der Derbygegner. Die 05er haben in diesen elf Partien 16 Tore geschossen, die Eintracht 15. Wenn es eine nennenswerte Differenz gibt, dann in der Defensivstatistik: 12 Gegentore bei den 05ern, 19 bei der Eintracht.

Und dort wollen wir ansetzen. Beide Teams wechseln häufig die Systeme, beide betreiben einen hohen läuferischen Aufwand, beide drücken aufs Tempo, beide haben Stärken im eigenen Ballbesitz. Aber in der Defensivorganisation, da hat die Eintracht in einigen Spielen Schwächen gezeigt. Die Frankfurter sind anfällig gegen Konter. Die beiden Stammsechser Sebastian Rode und Pirmin Schwegler sind verletzt/krank, das macht es für Veh nicht leichter. Routinier Marco Russ ist ein extrem zweikampfstarker Mann vor der Abwehr, das Raumgefühl, das strategische Geschick des jungen Johannes Geis hat er nicht. Zudem ist bekannt, dass Innenverteidiger Alexander Madlung im Stellungsspiel und in der Geschwindigkeit Probleme bekommt, wenn er größer werdende Räume beackern muss. Dazu gesellt sich, dass die umtriebigen Außenverteidiger Sebastian Jung und Constantin Djapka zuweilen etwas sorglos nach vorne rennen.

Eintracht-Torgefahr nach zwei Mustern

Vorteile sollten die 05er auch haben im konstruktiven Spiel aus der letzten Reihe heraus. Die Eintracht entwickelt ihre Torgefahr fast ausschließlich nach zwei Mustern. Erstens: Balleroberung im Mittelfeld, schnelles Kurzpassspiel, Flügelverlagerung, Sprints in die Tiefe. Zweitens: Hoch-weit-Verlagerung, Kampf um den zweiten Ball, direktes Passspiel, schnelles Spiel in die Spitze - wahlweise legt der lange Zehner Alexander Meier die hohen Bälle direkt ab in den torgefährlichen Raum auf Joselu oder Stefan Aigner, zwei klassische flinke Umschaltstürmer. Da könnten die 05er, die über sicheres Kombinationsspiel aus der Abwehr heraus u n d über Umschaltüberfälle zu Chancen kommen, flexibler sein. Auch individuell - mit dem Strafraumspezialisten Shinji Okazaki, dem Tempodribbler Maxim Choupo-Moting, dem Sprinter Nicolai Müller oder dem wendigen, spielstarken Zehner Ja-Cheol Koo.

Aber, wie lässt der Frankfurter Stardichter Goethe im Faust seinen Mephisto sagen: "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie..." Thomas Tuchel würde sicher trocken ergänzen: "… entscheidend ist unsere Leistung in der Commerzbank-Arena!" Eines steht fest: Von den vergangenen vier Derbys haben die 05er keines verloren.

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Meilensteine waren wichtig

Die entscheidenden Hürden sind genommen in dieser Derbyserie. Da war der erste Bundesligasieg der 05er gegen die Eintracht im April 2011 mit dem 3:0 am Bruchweg. Und da war der erste Sieg in Frankfurt überhaupt, im November 2012, ein 3:1 mit dem großen Auftritt des jungen Shawn Parker. Diese Meilensteine waren wichtig für die Mainzer. Und die Verschiebung in den Kräfteverhältnissen dokumentiert auch der 1:0-Erfolg der 05er im Hinrundenspiel in der Coface Arena mit dem späten Siegtor von Choupo-Moting gegen eine spielerisch damals sehr starke Eintracht. Diese Erlebnisse hat es gebraucht in der Statistik, das hat das Selbstbild der 05er in dieser speziellen Auseinandersetzung nachhaltig gestärkt. Das spielt eine Rolle, wenn man sich nicht immer ein wenig als der naturgegebene Underdog fühlen will im Duell mit einem regionalen Rivalen, der nach wie vor in der Wirtschaftskraft vorne liegt.

Und dass die Frankfurter nach wie vorne späte Gegentore kassieren (zuletzt in der Europa League gegen den FC Porto und in der Bundesliga beim 1:2 in Wolfsburg), auch das haben die Mainzer im Hinterkopf. Ein Gedanke, den Tuchel aber frühestens in der Halbzeitpause auffrischen will, wenn es einen zusätzlichen emotionalen Impuls benötigen sollte.