Rehberg: Statt Thomas Tuchel wird's Roberto di Matteo

Thomas Tuchel beherrscht am Länderspielwochenende die Schlagzeilen. Archivfoto: dpa

Man hätte darauf wetten mögen, dass Jens Keller das Saisonende beim FC Schalke 04 nicht erlebt, meint Reinhard Rehberg in seinem Blog. Und mancher hätte wohl auch darauf...

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. Man hätte darauf wetten mögen, dass Jens Keller das Saisonende beim FC Schalke 04 nicht erlebt, zumindest nicht auf seinem Trainerstuhl. Und man hätte darauf wetten mögen, dass sein Nachfolger Thomas Tuchel heißt. Wie ist es gekommen? Keller ist in dieser Woche beurlaubt worden. Und der Nachfolger heißt: Roberto di Matteo. Hätte also im Wettbüro keinen überragenden Gewinn ergeben.

Belegt ist, dass die Schalker im Januar Thomas Tuchel zu einem Gespräch eingeladen hatten. Der damalige 05-Trainer rückte auch an - mit einem kompletten Mitarbeiterstab. Doch nun hat Horst Heldt doch nicht diese vermeintlich gut vorbereitete Karte gezogen. Stolz hat der S04-Manager gerade mitgeteilt, dass er schon seit 2013 mit di Matteo in Kontakt gestanden habe, doch der in der Schweiz aufgewachsene Italiener sei nach seiner Entlassung beim FC Chelsea noch nicht bereit gewesen für eine neue Aufgabe. Das heißt: Heldt hat über einen längeren Zeitrum mehrere Karten gespielt im Rücken des tapfer und mit wachsendem Gleichmut um dauerhaften Erfolg und Anerkennung ringenden "22-Monate-Aushilfskellners" Jens Keller.

Was ist guter Stil im Profifußballbusiness?

Nun werden wieder Stilfragen diskutiert. Was ist guter Stil im Profifußballbusiness? Die einen Experten sagen, Heldt habe einen Superjob gemacht: Immer Plan B (und C?) in der Tasche, dann erst die Nachfolge geregelt, dann den Rauswurf vollzogen, dann den neuen Trainer vorgestellt. Die anderen Experten sagen, Heldt sei unmoralisch vorgegangen: Immer Plan B (und C?) in der Tasche, dann mit dem Nachfolger die Dinge abgeklärt - während Keller parallel dazu noch das Training leitete und in der Öffentlichkeit über seine Pläne mit der Mannschaft sprach. Stellen wir einfach nur die Frage: Macht diese Stildebatte überhaupt einen Sinn, ist es nicht vielmehr so, dass bei Gehältern von drei, vier, fünf Millionen im Jahr seelische Verletzungen zum Tagesgeschäft gehören und abgegolten sind? Lassen wir das. Wir wissen, dass zuweilen auch Trainer ihre ureigenen Interessen verfolgen und mitten in einem bestehenden Vertragsverhältnis außerörtliche Gespräche führen. Zum Beispiel: Thomas Tuchel.

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Clemens Tönnies, der S04-Präsident, soll in der vergangenen Woche vergeblich versucht haben, Tuchels Telefonnummer herauszubekommen. Heldt (der im Januar den 05-Coach übrigens überhaupt nicht überzeugen konnte) hätte aushelfen können, doch der Manager war längst auf der London-Spur. Damit verlängert sich die Sabbatzeit des einstigen Mainzer Erfolgstrainers. Geplant und gewollt - oder inzwischen eher unfreiwillig? Das können wir nicht beurteilen. Der eigenwillige Mann redet nicht. Abgetaucht. Vielleicht sitzt er entspannt in seinem Haus in Mainz auf der Couch und genießt in vollen Zügen die Freizeit mit der Familie. Vielleicht jagt er auch voller Ungeduld auf einem Spielplatz in Bretzenheim Kinder durch den Sandkasten, mal im 4-3-3, mal im 4-2-3-1, mal im 4-4-2 mit Konterraute, auf engen, mit Eimern und Förmchen begrenzten Feldern; immer konzentriert in der Aufgabe bleiben, aggressiv anlaufen gegen den Ball und schnell umschalten… Wir werden darauf achten, ob dieser Stadtteil demnächst taktisch glänzend geschulte Talente hervorbringt.

Zwei Sabbatjahre für Roberto di Matteo

Eine erhellende Wendung hat der merkwürdige 05-Abgang von Tuchel im Frühsommer jetzt jedenfalls nicht genommen durch die Geschehnisse in Gelsenkirchen. Und auf Schalke muss sich ein Kosmopolit beweisen, der sechs Sprachen spricht, der ein BWL-Diplom in der Schublade hat und der schon ein Champions-League-Finale gewonnen hat mit dem FC Chelsea. Aber was Roberto di Matteo tatsächlich auf dem Schläger hat, das wissen wir erst in ein paar Monaten. Ausgeruht ist der 44-Jährige, er hat zuletzt gleich zwei Sabbatjahre hinter sich gebracht. Möglicherweise auch auf Kinderspielplätzen in London.