Rehberg: Tedesco wackelt bei Schalke 04

Schalke-Trainer Tedesco. Foto: dpa

Spielerische Weiterentwicklung bei Schalke 04? Defensive Stabilität? Fehlanzeige - meint unser Experte Reinhard Rehberg. Seine Analyse der Situation bei Königsblau.

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. In Mainz, das war in all den Jahren eine ganz andere Aufgabe für Christian Heidel. Da ging es für den Manager darum, mit den kleinen Scheinen einen wettbewerbsfähigen Kader zu bauen und immer wieder Trainer zu finden, die den Klub mit mittelprächtigem Personal in der Bundesliga halten. Schaffte es eine Mannschaft mal, in einer Topsaison in den Europapokal zu gelangen, dann wäre in Mainz niemand auf die Idee gekommen, dass dies beliebig wiederholbar sein könnte.

Beim FC Schalke 04 sieht das ganz anders aus. Dort bekam Heidel den Auftrag, sukzessive den Personaletat herunterzufahren. Aber die Erwartungshaltung auf Schalke blieb: Spitzenränge erreichen, Champions League spielen. Die erste Saison, 2016/17: Fünf Startniederlagen, Trainerwechsel, am Ende Rang 10 mit 43 Punkten. Die zweite Saison, 2017/18: Der junge Trainer Domenico Tedesco eilte von Erfolg zu Erfolg, drittbeste Defensivabteilung der Liga, viele knappe Siege, am Ende Rang 2 mit stattlichen 63 Zählern, Einzug in die Champions League. Und jetzt dachte man am Schalker Markt, die Umbauarbeiten seien erledigt, da reife eine Spitzenmannschaft heran, die eventuell sogar Titelambitionen anmelden könnte.

Und nun die dritte Saison, 2018/19: Fünf Startniederlagen trotz eines Transfervolumens von rund 50 Millionen Euro, kein Trainerwechsel, ordentliche Ergebnisse in der Champions-League-Gruppe. Stand in der Liga nach 14 Spieltagen: Platz 13 mit mageren 14 Punkten, nur drei Zähler entfernt vom Abstiegsgetöse. Das ernüchternde 1:2 zu Hause im Ruhrpott-Derby gegen Borussia Dortmund war bereits die achte Saisonniederlage der Schalker. Die Dortmunder benötigten nicht mehr als eine grundsolide Leistung für den Sieg beim letztjährigen Vizemeister. Die Schalker schafften es in diesem Derby nie, den kühl, fast ein wenig passiv sein Programm abspulenden Nachbarn mit Nachdruck auf den Prüfstand zu stellen. Spielerisch nicht, das war zu erwarten. Kämpferisch und taktisch auch nicht, das verwunderte.

Viel wurde nach dem Abpfiff diskutiert über die Maßnahmen Tedescos. Der verunsicherte und zweikampfschwache Sebastian Rudy als alleiniger Sechser in der Mittelfeldraute - an der Seite der physisch auch nicht überragend wuchtigen Amine Harit und Alessandro Schöpf. Mitteldfeldspieler Weston McKennie, ein wilder Zweikämpfer, als Sturmspitze neben dem angeschlagenen Guido Burgstaller. Als der Mittelstürmer aus Österreich verletzt ausschied, da wechselte der Trainer den jungen Linksverteidiger Hamza Mendyl ein – als Sturmpartner von McKennie. Auf der Bank saßen noch die Angreifer Yevhen Konoplyanka und Cedric Teuchert.

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Nun kann man über Taktikpläne und Wechsel im Spiel viel diskutieren, das ist oft etwas für Argumentationskünstler. Tatsache war: Die Schalker hatten in der Schluss-Viertelstunde nicht mehr den Hauch einer Chance, da hätte der BVB eher noch höher gewinnen können. Und das nagte in der öffentlichen Diskussion erstmals am Ruf Tedescos, ein Taktikfuchs zu sein.

Verstörend wirkt zuweilen die Gestik des Trainers. Sehr aktives Coaching am Spielfeldrand, das gehört zum Führungsstil Tedescos. Aber dass ein Trainer seine Spieler über 90 Minuten daran erinnern muss, den Kopf oben zu behalten, Herz zu zeigen, Ruhe zu bewahren, dann wieder emotional anzukurbeln, das verliert auf Dauer an Wirkung. Gestandene Profis müssen ihre Entscheidungen auf dem Feld treffen, in der Mehrzahl ohne den an der Seitenlinie „mitspielenden“ Trainer.

Ob die Schalker gut oder weniger gut eingekauft haben, das lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht beurteilen. Erkennbar ist, dass die defensive Stabilität aus dem Vorjahr sowie die Torgefährlichkeit nach Standards gelitten hat - und dass eine deutliche spielerische Weiterentwicklung mit herausgespielten Torchancen ausbleibt. Das mündet in schlechten Ergebnissen. Und das mündet in allgemeiner Verunsicherung. Heidel steht wie ein Fels hinter und vor seinem Trainer. In dieser Tabellenregion wird das aber immer schwieriger.