Rehberg: Turbokapitalismus im Fußballbusiness

Christian Seifert. Foto: dpa

Bisher herrscht in der Bundesliga eher noch Ruhe auf dem Transfermarkt. Eine Folge überzogener Preise? Unser Kolumnist Reinhard Rehberg wirft einen Blick auf "ein aus dem Ruder...

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. Man kann nicht behaupten, die Bundesliga wäre im Kaufrausch. So richtig in Fahrt gekommen ist der Transferbasar noch gar nicht. Liegt das an den Preisen? Die bewegen sich in horrenden Bereichen. Aber, und das ist erstaunlich, man hört wenig Wehklagen an den Marktständen. Dass die Investition von fünf bis zehn Millionen Euro für einen Spieler medial gerne schon als geniales Schnäppchen gepriesen wird, daran hat man sich gewöhnt.

Dass ein Profi, der irgendwo schon mal eine gewisse Klasse tatsächlich nachgewiesen hat, zehn bis 20 Millionen auf dem Preisschildchen stehen hat, das entlockt dem Beobachter bestenfalls ein Achselzucken, vielleicht noch mit dem gelangweilt nachgeschobenen Hinweis: „Das ist halt heute so…, und dafür ist es eigentlich eher noch günstig…“ Dass die internationalen Verschiebeaktionen pro Deal erst bei 35 Millionen anfangen und sich leicht bis 80, 100, 120, 150 bis hin zu 200 oder demnächst 300 Millionen ausdehnen können, das rangiert längst unter Normalität.

Es gab Zeiten, da hieß noch: Das ist doch Wahnsinn, das ufert aus, die haben nicht mehr alle Tassen im Schrank; die Preistreiberei machen wir nicht mit, und die Beraterkonzerne halten auch noch die Hand auf und werden immer reicher; das ist doch eine Blase, die bald platzen wird. Hört man nur noch vereinzelt. Und dann leise, ohne anklägerischen Unterton.

Auf eine sehr geschickte Art und Weise hat sich der Turbokapitalismus im Fußballbusiness in rasendem Tempo Akzeptanz erarbeitet.

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Das hat zunächst mal damit zu tun, dass alle Entscheider, gleich an welchem Standort, sehr stattliche Gehälter beziehen auf ihren Posten. Was ja verständlich ist, weil die Entscheider gewaltige Budgets und gewaltige Investitionen zu verantworten haben. Aber: Wer sehr viel verdient, der verhält sich in der Regel systemkonform. Dass zum Beispiel der mächtige und demnächst noch prächtiger dotierte DFL-Chef Christian Seifert nicht an der Spitze jener wenigen Bedenkenträger steht, die zaghaft über Gehaltsobergrenzen, gedeckelte Transferausgaben oder stark eingegrenzte Beraterprovisionen nachdenken, das ist nachvollziehbar.

System läuft aus dem Ruder

Dazu kommt, dass die überwiegende Mehrheit aller Klubs die Mega-Ausgaben nur bewältigen kann, wenn entsprechende Einnahmen erzielt werden. Es macht also wenig Sinn, einen Marktkonkurrenten wegen Preistreiberei und unverschämter Forderungen anzuklagen, wenn man gleichzeitig im eigenen Haus auf der Verkaufsseite darauf angewiesen ist, selbst bei Ladenhütern massiv an der Preisschraube zu drehen. Diese Abhängigkeiten stabilisieren das aus dem Ruder laufende System.

Es wird immer bizarrer. Ozan Kabak kam als 18-Jähriger im Winter 2019 zum VfB Stuttgart. Elf Millionen Ablöse. Ausstiegsklausel im Vertrag. Das Talent bewährte sich in seinen sechs Monaten in der Bundesliga. Der VfB? Abgestiegen. Der von den Schwaben gefeuerte Sportdirektor Michael Reschke, sehr gut vertraut mit den Vertragstexten, hat inzwischen beim FC Schalke 04 angeheuert. Wo spielt Kabak künftig? Auf Schalke. Ablöse: 15 Millionen - in den Ruhrpott-Medien gefeiert als Schnapper. Der junge Spieler hat sein Gehalt verdoppelt bis verdreifacht; der Berater hat mit einem 19-Jährigen binnen eines halben Jahres ein Vermögen gemacht. Und Reschke ist bei seinem neuen, nicht sonderlich gut betuchten Klub der breit grinsende Held.