Rehberg: Verloren im Dickicht des Außenseiterfußballs

Thomas Müller geht nach dem Spiel gegen Mexiko enttäuscht vom Platz. Foto: dpa

Eins steht fest: Das Thema Titelverteidigung sollte die Deutsche Nationalmannschaft nach der herben Schlappe gegen Mexiko erstmal vom Besprechungsplan streichen. Das war...

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. Einen Vorteil hat der missratene Auftakt. Die deutsche Elf weiß nun, wie es nicht geht, präziser ausgedrückt: wie es überhaupt nicht geht. Beim 0:1 gegen Mexiko war nicht erkennbar, dass sich die deutsche Reisegruppe in der WM-Vorbereitung auf eine gemeinsame Herangehensweise geeinigt hätte. Das Thema Titelverteidigung sollte vorerst vom Besprechungsplan gestrichen werden. Die Mannschaft von Jogi Löw wird in dieser Form Mühe haben, zunächst einmal das Achtelfinale zu erreichen.

Am Abend nach der Niederlage klang das noch so, als ob die Mexikaner eine neue Wundertaktik erfunden hätten. Dem war nicht so. Die Südamerikaner haben auf einem guten Niveau kompakt verteidigt und mit leidenschaftlicher Laufbereitschaft klug gekontert. Löw hatte erwartet, der Gegner würde mit einem wilden Angriffspressing über seine Auswahl herfallen. Das machten die Mexikaner nicht mal.

Navigationshirn Kroos mit Manndeckung ausschalten

Trainer Juan Carlos Osorio hatte sich ausgedacht, das deutsche Navigationshirn Toni Kroos mit Manndeckung auszuschalten. Und damit Jerome Boateng und Mats Hummels in die Aufbaurolle zu drängen. Die deutschen Innenverteidiger sollten mit Ball am Fuß kaum gestört werden. Aber das dicht bevölkerte Mittelfeld der Mexikaner sollte den beiden Ballverteilern keine frei anspielbaren Mitspieler überlassen. Die Mexikaner lockten die Deutschen in ein Dickicht, mitten hinein ins Unterholz. Das provozierte Fehlabspiele. Und mit dieser Beute machten sich die Mexikaner auf den Weg, überfallartig und sehr zielstrebig Konter zu platzieren. Mit kurzen Ballkontakten, geradlinigem Passspiel und Sprints in die Tiefe auf mehreren Bahnen.

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Gegen diese überall auf dem Globus bekannten Grundrezepte aus dem Lehrbuch des Außenseiterfußballs hatte der Weltmeister keine Lösungen am Start. Die meisten deutschen Spieler nahmen auch nie die Witterung auf, dass dies ein ungemütlicher bis schuftiger Nachtmittag werden könnte. Die deutsche Auswahl bot einen Fußball ohne Verantwortungsgefühl, ohne taktische Disziplin, ohne eine stabile Ordnung.

Ein Beispiel: Sami Khedira. Der Routinier wollte alles regeln, er opferte dafür jede Positionsdisziplin. Der erfahrene Juve-Profi rannte kreuz und quer auf dem Gelände herum, er lieferte als Pseudo-Spielmacher viele leichte Ballverluste. Und Khedira blieb dann dauerhaft verantwortlich dafür, dass im Mittelfeldzentrum Riesenlücken entstanden gegen das druckvolle Umschaltspiel der Mexikaner. Boateng und Hummels gerieten in der letzten Linie ständig in Unterzahlsituationen. Das deutsche Mittelfeldzentrum schützte seine Innenverteidiger nicht. Dass die Außenverteidiger Joshua Kimmich und Marvin Plattenhardt in ihrem sorglosen Nachvornerennen defensiv ebenfalls keine Hilfe waren, das verstärkte die Abwehrnöte.

Ballsicherheit, Pass-Dominanz und Tempo in Einklang zu bringen, schafft der Weltmeister nicht

Bezeichnend: Beim 0:1 rannten nach dem Entscheidungsfehler von Mats Hummels im Zentrum die Techniker Mesut Özil und Toni Kroos dem Torschützen hinterher. Von den Abwehrspezialisten war keiner in der Nähe des Brennpunkts.

Die beste Lösung für die Vermeidung von gegnerischen Kontern? Das sind eigene Torabschlüsse. Aber auch in diesem Bereich spielte die Löw-Elf verantwortungslos. Das Bemühen um Ballsicherheit und Pass-Dominanz in Einklang zu bringen mit Tempo, Wucht und Torgefahr, das schafft der Weltmeister schon lange nicht mehr. Mesut Özil müsste die gegnerische Abwehrreihe mit schnellen Bewegungen, mit Richtungswechseln, mit Antritten, mit Lückenpässen oder Dribblings bedrohen. Der Star von Arsenal London liefert aus dem Stand oder aus dem soliden Trabertempo heraus ein paar nette Verteilerpässe. Das erschreckt niemanden. Julian Draxler kann Wirkung erzielen mit seinen Tempodribblings, mit Zug in den Strafraum. Der Aushilfs-Linksaußen von Paris St. Germain macht das aber nicht seriös; zu oft bricht er seine Aktionen ab, sobald er auf Gegenwehr stößt.

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Die seriöse Basis fehlt

Und Thomas Müller? Konzeptlos und ohne Selbstvertrauen, kaum eine klare Aktion; bei der berechenbar gewordenen Bayern-Ikone enden immer öfter die Kombinationsansätze. Die meiste Torgefahr ging letztlich noch vom manngedeckten Kroos aus.

Halten wir gnadenlos fest: Der deutschen Mannschaft fehlt zum WM-Start die seriöse Basis. Physische Intensität, eine stabile Ordnung im Raum, gemeinschaftliche Arbeit gegen den Ball auf der Grundlage von bedingungsloser Hilfs- und Opferbereitschaft, Verantwortungsgefühl für Passauswahl und Passpräzision, Tempohärte und Durchsetzungswillen im Angriffsdrittel. Die Mängel stapeln sich in diesen Grundanforderungen. Und das nicht erst seit dem 0:1 gegen Mexiko. Mag sein, dass der Titelverteidiger nun unter Überlebensdruck mehr gemeinschaftliche Energie mobilisiert. Das käme spät. Aber noch nicht zu spät.