Rehberg: Warum Reporter sich mit Testspielen schwer tun

Karim Onisiwo und Frederik Sörensen. Foto: Sascha Kopp

Für Journalisten sind lange Vorbereitungsphasen zuweilen eine Qual. Man verfolgt viele Testspiele mit der Analysebrille auf der Nase. Man diskutiert auch mal 90 Minuten mit den...

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. Für uns Journalisten sind lange Vorbereitungsphasen zuweilen eine Qual. Man verfolgt viele Testspiele mit der Analysebrille auf der Nase. Man diskutiert auch mal 90 Minuten mit den Kollegen oder nimmt zufällig ein paar Gesprächsfetzen von Co-Trainer-Debatten auf. Man beginnt also zaghaft, sich eine Meinung zu bilden zu verschiedenen Themen. Und dann kommt am Ende der Cheftrainer. Und der wirft alles wieder um. Nein, das könnt ihr so nicht sehen, weil…

Vor dem einen nachmittäglichen Testspiel gab es noch eine knochenharte Trainingseinheit - und vor einem abendlichen Testkick sogar zwei. Vor einem anderen Test hatte sich gerade der Höhepunkt in der Hochbelastungspyramide ereignet - vor dem anderen der fundamentale Wechsel von der Defensiv- zur Offensivschulung. Oder es sind – von den Schreibern völlig unbemerkt - ganz neue taktische Elemente ausprobiert worden. Oder es standen Spieler auf dem Platz, die gar keinen einheitlichen Fitnesslevel haben können. Oder es waren Neuzugänge am Werk, die in bestimmte taktische Abläufe noch gar nicht eingewiesen sind. Oder es sind zwei, drei Spieler auf für sie ungewohnten Positionen getestet worden – und dann sehen natürlich auch deren Nebenleute manchmal nicht gut aus. Und überhaupt, das Wetter, die Hitze, der Regen, der Wind…

Kleine Auswahl an geländegängigen Erklärungsmustern

Das ist nur eine kleine Auswahl an geländegängigen Erklärungsmustern. Und die kamen bei einem Wolfgang Frank nicht anders rüber als bei Jürgen Klopp oder Jörn Andersen oder Thomas Tuchel oder Kasper Hjulmand. Oder eben Martin Schmidt. Das Signal lautet immer: Ihr Schreiber müsst das, was ihr heute gesehen habt, richtig einzuordnen wissen – ansonsten liegt ihr völlig falsch mit euren voreiligen Bewertungen.

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Das ist wohl so. Die 05er haben nun also einen Zweitligisten aus der Schweiz extrem mühsam mit 2:1 bezwungen. Am Tag darauf haben die Profis einen italienischen Zweitligisten klar dominiert, aber es gab eine 0:2-Niederlage. Nun ereignete sich das krawallige 4:0 vor 30.000 Zuschauern in der Opel Arena gegen eine Tiefenkaderformation des ruhmreichen FC Liverpool. Und vier Tage später hat sich die Schmidt-Auswahl am Bruchweg unter Ausschluss der (Eintritt zahlenden) Öffentlichkeit gegen den Ligakonkurrenten 1. FC Köln nahezu struktur- und chancenlos mit 0:3 vorführen lassen; optional war das ein 0:5 bis 0:6. Am kommenden Sonntag steigt im Bruchwegstadion vor der neunten und letzten Vorbereitungswoche das abschließende Testspiel. Gegner ist der Drittligist Rot-Weiß Erfurt. Und der Cheftrainer prophezeit, da werde es noch schlimmer kommen als gegen die Kölner. Die Belastungssteuerung sei genau darauf angelegt. Obwohl zuvor angekündigt worden war, dass jetzt die Phase begonnen habe, in der die nötige Wettkampfspritzigkeit aufgebaut werde…

Was lernen wir: Von Testspielen auf die konstant abrufbare Wettkampfqualität einer Mannschaft zu schließen, das ist eine mehr oder weniger aussichtslose Angelegenheit. Genaueres wissen wir erst nach dem DFB-Pokalspiel bei der SpVgg Unterhaching und nach dem Bundesligastartspiel bei Borussia Dortmund. Und doch bleiben Fragen. Zum Beispiel Jairo. Der Topscorer der Vorsaison hatte noch nicht einen einzigen auch nur halbwegs überzeugenden Testspielauftritt. Oder Christian Clemens, der ständig pendelt zwischen starken und extrem luschigen Szenen. Das sind Wettkampftypen, sagt man dann gerne. Wir werden sehen. Oder Fabian Frei, der bei allem Bemühen nicht so recht demonstrieren kann, dass er sich im Kampf um einen Startelfplatz mit besonders feurigem Engagement aus dem Fenster hängen würde. Oder Gaetan Bussmann, der als Startelfspieler der Vorsaison aktuell als Linksverteidiger noch überhaupt nicht aus den Schuhen kommt.

Gegen die Kölner nichts im Griff

Und generell, das so wichtige Mittelfeldzentrum. Da schwanken die Leistungen (noch) zwischen schwarz und weiß. Gegen die Kölner hatten José Rodriguez und Fabian Frei überhaupt nichts im Griff, weder gegen den Ball noch im eigenen Ballbesitz. Gegen den FC Liverpool sah das beim Tandem Rodriguez/Suat Serdar schon mal sehr gut aus. Aber da öffnete der ungeordnete und überschaubar aggressive Gegner riesige Räume. Während der FC am Bruchweg 90 Minuten lang mit hoher Laufbereitschaft schmucklos eng verteidigte, alle relevanten Zonen wirksam zustellte und dann mit Tempoüberfällen Topchancen aneinander reihte.

Also, ein klares Bild ergibt sich in diesem Moment nicht. Wir können bislang lediglich festhalten: Gegen tief und massiert verteidigende Gegner, die wenig Umschaltmöglichkeiten zulassen, werden sich die 05er auch in dieser Spielzeit schwer tun. Das heißt im Umkehrschluss: Munter nach vorn orientierten Mannschaften werden die Umschalt-Mainzer als Außenseiter auch in dieser Saison ein unangenehmer Kontrahent sein. Und an dieser Einschätzung wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nach der letzten Testpartie gegen RW Erfurt nicht viel geändert haben. Und als letzte Wahrnehmung: Es zeichnet sich kein Backup für Jhon Cordoba ab. Der kleine Pablo de Blasis eignet sich gegen die üblichen Innenverteidigerhünen nicht als alleiniger Zielstürmer, der lange verletzte Yoshinori Muto ist noch immer weit entfernt von Zweikampfhärte und Durchsetzungsfähigkeit, der wuchtige Karim Onisiwo braucht mit seiner speziellen Positionstechnik die Auslaufräume am Flügel.