Rehberg: Wechselwillige Stars - Vereine dürfen nicht...

Sorgte nicht nur auf dem Platz für viel Wirbel: Dortmunds Pierre-Emerick Aubameyang Foto: dpa/Bernd Thissen

Viel Aufregung brachte der letzte Tag der Winter-Transferperiode nicht mehr. Eines deutet sich aber an: Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund verliert weiter an Qualität....

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. Der letzte Tag der Winter-Transferperiode war nicht überragend aufregend. Die Gewichte werden sich nicht verschieben in der Bundesliga. Eines deutet sich an: Borussia Dortmund hat weiter an Qualität eingebüßt. Der Verlust von Pierre-Emerick Aubameyang ist sportlich nicht kompensierbar. Der Torjäger hat mit seiner Geschwindigkeit und seinem Torabschluss außergewöhnliche Fähigkeiten. Arsenal London wird von diesem Weltklassestürmer fußballerisch sehr profitieren. Arsene Wenger wird versuchen, den Paradiesvogel an der langen Leine zu führen.

Die Dortmunder? Die haben den Mann, der an knapp 50 Prozent aller Tore der Borussia beteiligt war, ersetzt durch Michy Batshuayi. Ein Belgier von FC Chelsea, der eine durchaus beeindruckende Torquote ausweist – allerdings als Berufsjoker. Warum der schnelle 24-Jährige unter Trainer Antonio Conte selten bis nie in der Startelf stand, das ist bekannt: Wenn der Gegner den Ball hat, dann löst das bei dem eigenwilligen Batshuayi wenig bis nichts aus. In der Bundesliga kann diese Haltung Probleme bringen. Zumal gerade Dortmund-Coach Peter Stöger ein Anhänger der kollektiven Verteidigungskunst ist.

Abgebende Vereine sollten Härte zeigen

Unbeantwortet bleibt die Frage, wie Klubs künftig auf Profis reagieren, die sich aus ihrem Vertrag mobben wollen. Da gibt es einige gut gemeinte Vorschläge. Abgebende Vereine sollten Härte zeigen und den Mann für einige Monate auf die Tribüne setzen, sagt der eine Experte, der andere meint, kaufwillige Klubs sollten kompromisslos keine „Mobbing-Spieler“ mehr unter Vertrag nehmen. Die Sache ist relativ einfach: Eine Aktiengesellschaft wie der BVB darf keine Kapitalvernichtung betreiben, der Klub kann und darf nicht eine potenzielle Einnahme von 64 Millionen Euro auf einem Tribünenplatz zwischenlagern – und die Spitzentrainer auf diesem Erdball werden niemals aus moralischen Gründen den Kauf eines wechselwilligen Stürmers boykottieren, der einen Garantieschein im Stutzen hat für 25 bis 30 Tore pro Saison. Wir halten fest: Werthaltige Spieler sind in der Lage, ihren Verein zu erpressen – ohne jeden persönlichen Nachteil.

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Der VfB Stuttgart macht gerade auf einem ganz anderen Feld Schlagzeilen. Die sogenannten Sozialen Medien im Schwabenland laufen über vor wütenden Protesten gegen den neuen Trainer Tayfun Korkut. Das Ausmaß der Hasstiraden hat eine neue Qualität erreicht. Die Leute, die diesen Shitstorm angezettelt haben und munter unter Feuer halten, sind sich ihrer Verantwortung nicht bewusst. Früher haben sich Anhänger, die - je komplexer der Sachverhalt - nach den ganz einfachen Wahrheiten suchen, in der Kneipe ausgekotzt. Dann hat am Tresen oder am Stammtisch irgendwann einer gesagt: „Du nervst, mach endlich mal den Kopf zu, dein Bier steht ab.“ Die Streiterei beschränkte sich auf fünf oder zehn oder zwanzig Personen, niemand außerhalb der Kneipe hat davon etwas mitbekommen.

Dauernörgler, Sorgenträger und Klugscheißer

Jetzt veröffentlichen diese mal mehr, mal weniger, mal überhaupt nicht sachkundigen Bewerter ihre Tiraden auf Facebook, auf Twitter, in Internetforen. Wer das liest, der kann sich kein Bild davon machen, wer da poltert. Handelt es sich dort um den liebenswürdigen Berufspessimisten, um den grantigen Dauernörgler, um den emotional aufgewühlten Sorgenträger oder um den typischen Klugscheißer, der immer glaubt, den richtigen Plan im Sack zu haben? Oder, und auch das gibt heute: Handelt es sich gar um einen dieser böswilligen Provokateure, die mit ihren Einlassungen im Internet gar keine andere Absicht verfolgen, als die Atmosphäre zu vergiften und damit Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und Macht zu spüren?

Auf jeden Fall beeinflusst nicht selten diese anonym schreibende Minderheit die Stimmung einer konsumierenden Mehrheit. Da lässt sich am Beispiel Stuttgart heute schon absehen: Der Nachfolger des beurlaubten Hannes Wolf hat in dieser verbrannten Atmosphäre nur dann eine Chance, wenn er vom Start weg Spiele gewinnt. The result rules, sagen die Engländer. Das Ergebnis regiert. Alles andere ist uninteressant. Machen sich die Fußball-Unternehmen von dieser Betrachtungsweise abhängig in der inhaltlichen Bewertung ihrer Trainer und/oder Sportdirektoren, dann sind die Klubs nicht nur erpressbar von wechselwilligen Spitzenspielern, sondern auch von Stimmungsmachern im Internet. Deshalb sei daran erinnert: Eine Meinungsäußerung, die von vielen Menschen konsumiert wird, hat immer auch zu tun mit Verantwortung für mögliche Wirkungen. Eine naive Position? Und wenn schon…