Rehberg: Wenn Politiker reden wie Fußballer

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der gescheiterte Herausforder Martin Schulz. Foto: dpa

Politik und Sport sollten eigentlich getrennt werden. Unserem Experten Reinhard Rehberg sind an diesem denk- und merkwürdigen Wahlabend aber gewisse Ähnlichkeiten zum Fußball...

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. Als Anhänger der großartigen Sportart Fußball zuckte man da am Wahlabend leicht zusammen. Die AfD, so wurde das jedenfalls von den Analyse-Experten im Fernsehen anschaulich belegt und erklärt, sei überwiegend von Leuten gewählt worden, die weit, zum Teil sehr weit davon entfernt seien, Anhänger dieser Partei zu sein. Hä? Und dann kamen die schönen Schaubilder. Eine Million dieser Alternative-für-Deutschland-Wähler sind von der CDU übergelaufen, 500.000 Menschen kommen von der SPD, 50.000 kommen jeweils von der Linken und von den Grünen, 40.000 von der FDP. Wie bitte? Noch mal von vorne... Es bleibt dabei. Auf allen Kanälen.

Denkzettel eines Dortmunders denkbar?

Das sind keine klassischen Wechselwähler, das sind Protestwähler, lernen wir dann im Laufe des Abends von den Kahns, Scholls, Effenbergs und Calmunds des Politikfernsehens. Diese Experten kommen in der Politik nur nicht aus der Politik, sondern aus der Wissenschaft, von irgendwelchen Universitäten oder Instituten. Die plakativen Kernbotschaften der Parteienforscher hören sich dann allerdings auch nicht viel tiefgründiger an als die der Fußballerklärer Kahn, Scholl, Effenberg oder Calmund. Was erfahren wir? Diese 12,6 Prozent der Wähler sind mit den „Alt-Parteien“ unzufrieden, denen sollte also mal ein Denkzettel verpasst werden.

Noch mal zum mitschreiben: Da gibt es Leute aus tatsächlich allen politischen Richtungen, die von ihrer bisherigen Partei enttäuscht sind (kann passieren) – und die dann einfach mal ihr Kreuzchen machen bei einer ziellosen rechtspopulistischen Gruppierung unter der Führung eines frustrierten langjährigen CDU-Mitglieds.

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Übertragen wir das auf den Fußball. Da ist ein seit seinen Jugendtagen schwarz-gelb denkender und träumender Fan mit den Leistungen seiner Dortmunder unzufrieden. Deshalb wird er nicht gleich Schalke-Anhänger. Aber aus Protest marschiert er in den folgenden Monaten in die Gelsenkirchener Veltins Arena. Und freut sich darüber, wenn die Alternative S04 gewinnt. Und auf dem Nachhauseweg denkt er sich frohlockend: Boah, hab ich meiner Borussia eins ausgewischt...! Am Arbeitsplatz lässt sich der Protestwechsler natürlich nichts anmerken. Da gilt er weiter als BVB-Fanatiker.

Format für Erklärungen

Die Erklärungsmuster für Niederlagen im Fußball und in der Politik ähneln sich, auch das haben wir am Wahlabend gelernt. In der Bundesliga hat sich dieses DINA-4-Format durchgesetzt: „In der ersten Halbzeit haben wir es gut gemacht, in der zweiten Halbzeit haben wir es nicht mehr so gut gemacht.“ Zuweilen kommt die Nachfrage: „Was ist da passiert in der zweiten Halbzeit?“ Genervte Antwort des Spielers: „Ich habe doch gesagt: Da haben wir es nicht mehr so gut gemacht!“ Nicht selten schließt der Reporter dann das Interview mit den Worten: „Alles klar. Danke!“ In der Politik hört sich das so an: „Wir haben eine überragende Politik gemacht, aber wir haben es offenbar nicht geschafft, die Menschen mitzunehmen.“ Alles klar.

Lustig war auch das Verhalten von Martin Schulz. Auch das kennen wir aus dem Fußball: Da wird einer kämpferisch – nachdem er verloren hat. Der SPD-Chef krakeelte in der TV-Elefantenrunde: Aus und vorbei, Schluss mit der Großen Koalition, wir werden ab sofort eine großartige Oppositionspolitik machen, das ist jetzt wichtig für unser Land; die zu erwartende neue Regierung unter der alten Kanzlerin steht für Stillstand... Und das nach einem Wahlkampf, den der ehemalige Europapolitiker im Schonwaschgang geführt hat. Im Fußball hören wir nach einer derben Niederlage oft: Wir müssen in der kommenden Woche hart arbeiten, nächste Woche in Trallallla werden wir wieder ein ganz anderes Gesicht zeigen... Und man fragt sich: Was war in der vergangenen Woche – und warum diesmal dieser schlappe Auftritt?

Und auch das kennen wir aus dem Fußball: Zahlen können aus einem schlechten Ergebnis einen gefühlten Sieg machen. 0:3 verloren – aber mehr gelaufen, im Ballbesitz vorne, in der Zweikampfquote vorne, viele Balleroberungen in der gegnerischen Spielhälfte, mehr Eckbälle, öfter aufs Tor geschossen... Eigentlich gewonnen. Diese Sicht der Dinge schaffen Politiker spielerisch leicht. Wie sagten mehrere führende CDU-Macher am Wahlabend: Das Ergebnis ist nicht gut, aber jetzt müssen wir uns erst mal die genauen Zahlen anschauen und analysieren, und dann sieht die Sache in vielen Bereichen schon wieder ganz anders aus... Alles klar! Danke.