Rehberg: Widerstandsmentalität war nicht stark genug

Schalkes Klaas-Jan Huntelaar (l.) und der Mainzer Niko Bungert (r.) versuchen an den Ball zu kommen. Foto: dpa

Die Mainzer haben gegen Schalke verloren. Und unser Kolumnist ist sich sicher: Über die gesamte Spielzeit gesehen war dieser Erfolg der Ruhrpottler hoch verdient. Dennoch...

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. Die erste Auswärtsniederlage in dieser Saison. 1:2 auf Schalke. Spektakuläre 90 Minuten. In denen die 05er insgesamt nicht aktiv genug waren in der Balleroberung und im eigenen Ballbesitz. Als Fazit bleibt stehen: Nur auf Umschaltaktionen sollte sich die Mannschaft von Martin Schmidt in dieser Saison auf dem Weg zum gegnerischen Tor nicht verlassen, es gibt Spiele, in denen braucht es auch Ruhe, Überzeugung und eine konstruktive Struktur im Passspiel aus der eigenen Spielhälfte heraus. Letzteres hat gefehlt in der stimmungsvollen Veltins-Arena, in der die Schalker über sehr weite Phasen spielerisch das klar bessere Team waren. Hätten die Gastgeber nur einen Bruchteil ihrer Torchancen genutzt, dann hätten die Mainzer in der dramatischen Schlussphase nicht noch mal an einem glücklichen Punkt schnuppern dürfen.

Die letzten zehn Minuten haben gezeigt, dass die 05er mit dieser Personalausstattung auch gegen starke Gegner mit fußballerischen Mitteln zu Torchancen kommen können. In dieser Phase haben sich die Mainzer aufgebäumt, da haben die 05er nach einer defensiv und im Passspiel problematischen Leistung die Ergebnischance gewittert, da hat die Elf eine Widerstandsmentalität gezeigt – und endlich auch mehr Fußball gespielt. Da lag das 2:2 plötzlich in der Luft. Das halten wir fest.

Debüt für Klement

Philipp Klement, der junge Mann aus der erfolgreichen 05-U23, feierte sein Bundesligadebüt als Einwechselspieler. Da kam in der 89. Minute der Lückenpass des glänzenden Technikers in den Lauf von Daniel Brosinski, dessen Rückpass nagelte der ebenfalls eingewechselte Bulle Florian Niederlechner aufs Tor – S04-Keeper Ralph Fährmann rettete mit einem überragenden Handreflex. Dem folgten noch zwei geblockte Schüsse in unmittelbarer Nähe des offenen Schalker Kastens. Und danach wehrte der Ex-05er Roman Neustädter noch einen Böller von Yoshinori Muto mit der Hand ab, ein Elfmeter war nicht zwingend notwendig, aber ein entsprechender Pfiff wäre auch kein Skandal gewesen. Da retteten die Schalker ihren Heimsieg ausgesprochen glücklich über die Runden.

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Über die gesamte Spielzeit gesehen war dieser Erfolg der Ruhrpottler hoch verdient. In der ersten halben Stunde, als die Gastgeber leicht mit 2:0, 3:0 in Führung hätten gehen können, fand das Schmidt-Team überhaupt keine Einstellung zur Schalker Spielweise. Trainer André Breitenreiter hatte ein ausgeprägtes Flügelspiel angeordnet, mit flexibel besetzten Positionen, mit schnellen Pässen, Dribblings und Tempoläufen an den Seitenplanken. Diesen Ansatz bekamen die 05er nicht verteidigt. Das Hauptproblem: Die 05er hatten keinen Zugriff auf die Passgeber. Der Defensivblock stand gar nicht schlecht organisiert, aber inmitten dieses Geheges fehlte die aggressive Zweikampfarbeit. Julian Baumgartlinger rannte und stach zu, aber das war zu wenig an diesem Tag. Nebenmann Danny Latza zahlte gegen den Ball Lehrgeld im Zentrum. Linksverteidiger Pierre Bengtsson hatte seinen Raum nicht im Griff gegen Maxim Choupo-Moting und den offensivstarken Junior Caicara, rechts ging es Leon Balogun gegen den wendigen Dribbler Max Meyer und den hinterlaufenden Dennis Aogo nicht besser.

Viele Chancen für Schalke

Unabhängig davon, dass die gesamte Festung keine Nachvorneverteidigung organisierte, sondern sehr schnell mit einer Tiefenstaffelung auf den überfallartigen Schalker Druck reagierte. Da wurden die Konterwege weit nach den wenigen Ballverlusten des wie aufgedreht anrennenden Gegners. Pressing und Gegenpressing? Entlastung über präzise Passfolgen nach vorne? Beides funktionierte nicht. Ein verschossener Foulelfmeter, eine Rettungstat vor der Torlinie und fünf weitere fette Chancen binnen der ersten 20 Minuten, die Knappen hätten die 05er abschießen können in dieser furiosen Startphase. Das verhinderte unter anderem der großartige Mainzer Torhüter Loris Karius.

Kurios: Die Gegentreffer fielen, als das Schalker Offensivfeuer längst erloschen war. Das 1:0 nach einem Eckball des im Feld überragenden Johannes Geis: Da verteidigte der Hüne Balogun im Luftkampf zu passiv gegen den Kopfball von Joel Matip. Vermeidbar. Beim 2:1 unterlief Stefan Bell beim Pass von Matip ein einziger Stellungsfehler, Torjäger Klaas-Jan Huntelaar lief frei durch und vollendete. Vermeidbar. Unerzwungene Fehler.

Das Ausgleichstor war überragend herausgespielt. Balleroberung an der Mittellinie, schnelle Umschaltreaktion, Traumpass von Latza in die Tiefe, perfekte Hereingabe des starken Muto auf den langen Pfosten, Innenpfostentreffer des Sprinters Christian Clemens, Abstauber von Yunus Malli. Dieses Muster ist und bleibt eine Waffe. Die aber nur umsetzbar ist, wenn die 05er mehr aktive Balleroberungen haben in relevanten Zonen. Daran mangelte es auf Schalke. Der finale Belagerungszustand im gegnerischen Strafraum kam zu spät. Bis dahin hatten die 05er zu sehr ihre Außenseiterrolle ausgelebt.