Rehberg: Wie unfehlbar ist die kalibrierte Linie beim...

Stuttgarts Stürmer Mario Gomez gestikuliert nach einer Abseitsentscheidung.  Foto: Uwe Anspach/dpa

Mario Gomez und nicht gegebene Tore nach dem Videobeweis: eine unendliche Gesichte. Fünf Mal stand der Stürmer des VfB Stuttgart laut der kalibrierten Linie zwischen einem und...

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. Abseits. Im Zweifel für den Stürmer entscheiden, hieß es. Früher mal. Wenn ich mich richtig erinnere, dann wurde die Vorgabe zwar viel zu selten angewandt, aber man hatte das gute Gefühl: Das funktioniert. Im Zweifel für den Stürmer, das gibt es heute nicht mehr. Oder anders ausgedrückt: Das darf es gar nicht mehr geben, weil die Entscheidung inzwischen ja objektivierbar ist. Die kalibrierte Linie, ein neuer Vorschlag für das Unwort des Jahres, weist bis auf den Zentimeter aus, ob sich der Angreifer im Abseits befindet – oder eben nicht. Angeblich.

Mario Gomez hat es zuletzt hart getroffen. Der Torjäger des VfB Stuttgart hat sechs Mal ins Tor getroffen – fünf Mal stand er laut der kalibrierten Linie zwischen einem und fünf Zentimetern im Abseits. Beim Spiel in Sandhausen erzielte der langjährige Nationalstürmer binnen weniger Minuten einen „Abseits-Hattrick“. Eine Szene knapper als die andere. Ohne kalibrierte Linie hätte die Entscheidung lauten können: Im Zweifel für den Angreifer – gleich Höhe – Tor!

In diese Diskussion eingeschlossen ist die Behauptung, dass die vermeintlich unfehlbare kalibrierten Linie keine Zweifel mehr zulässt. Wir wissen: Das stimmt so nicht. Weil: Der Moment, an dem der Ball den Fuß des Passgebers verlässt, da spricht ein Zusatz im Regelwerk inzwischen von einem Impuls, genau dieser Moment ist nicht unfehlbar festzuhalten. Ein oder zwei Zehntelsekunden Zeitunterschied können in hohem Tempo bei der Anlegung der kalibrierten Linie für den Stürmer in hohem Tempo leicht einen Unterschied von einem halben bis einem Meter Distanzunterschied ausmachen. Diese Dynamik nach Zentimetern bemessen und bewerten zu wollen, ist demnach ein kühnes Unterfangen.

Wenn also der „Passimpuls“ keine Objektivität erlaubt, dann ist die kalibrierte Linie auch kein objektives Messinstrument. Wenn der „Passimpuls“ einen zeitlichen Toleranz-Spielraum hat, dann braucht auch die kalibrierte Linie einen räumlichen Toleranz-Spielraum.

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Eine Idee wäre: Man könnte die kalibrierte Linie als eine Zone darstellen, die ein farblich unterlegtes Toleranzfeld von etwa zehn, vielleicht auch zwanzig Zentimetern Breite markiert – und wenn sich Abwehrspieler und Stürmer innerhalb dieser Toleranzzone bewegen, dann gilt die Aktion als gleiche Höhe.

Das mag einen Wissenschaftler nicht befriedigen. Aber wir arbeiten in vielen Bereichen des Lebens mit Toleranz-Spielräumen. Zum Beispiel beim Überschreiten von Fahrgeschwindigkeits-Begrenzungen auf den Autostraßen. Warum? Weil die Blitzerautomaten Überschreitungs-Geschwindigkeiten nur bedingt exakt messen. Abzuziehender Toleranz-Spielraum: 10 Prozent.

Würde das auf die Abseits-Regelung angewandt, dann heißt das nicht, dass es künftig keine Zentimeter-Entscheidungen mehr geben würde. Aber die Toleranzzone könnte die Gemüter beruhigen. Der Videoschiedsrichter in Köln bestimmt in strittigen Szenen nach bestem Wissen und Gewissen den „Passimpuls“ – der Toleranz-Spielraum ist in die kalibrierten Toleranzzone eingearbeitet.

Was das für den Unparteiischen mit der Fahne in der Hand bedeuten würde? Wahrscheinlich eine Überforderung. Denn wenn es gerecht zugehen soll, dann müsste der Toleranz-Spielraum auf alle Abseits-Entscheidungen angewendet werden. Schwierig. Sehr schwierig sogar für das menschliche Auge und Entscheidungsempfinden.