Rehbergs Analyse: Hertha-Taktik

Ja-Cheol Koo. Foto: DPA

Vielleicht bekommt die Berliner Hertha am Ende dieser Saison ein Zertifikat als "deutscher Zustellmeister". Der anerkannte Defensivspezialist Jos Luhukay hatte auch am...

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. Vielleicht bekommt die Berliner Hertha am Ende dieser Saison ein Zertifikat als "deutscher Zustellmeister". Der anerkannte Defensivspezialist Jos Luhukay hatte auch am Sonntagabend in der Coface Arena seiner Blockadepoltik gefrönt. Die vom Hertha-Coach gebaute 4-1-4-1-Grundordnung, nach vorne sehr flexibel ausgespielt, bekamen die 05er nicht geknackt. Von daher war das 1:1 ein Ergebnis, das dem Spielverlauf entsprach. Die Mannschaft von Thomas Tuchel hat viel versucht, doch der Gegner verlor in der Arbeit gegen den Ball, in der dichten Besetzung der Räume nie seine Ordnung. Und in der Umschaltung wirkten die Berliner auch nach vorne immer unangenehm, zuweilen sogar gefährlich. Weil sich das 4-1-4-1 über seitliche Positionsflexibilität sehr schnell zu einem 4-3-3 verschieben lässt. Und das machten die Gäste ausgesprochen geschickt, insbesondere nach der Pause.

Berliner praktizierten fast Manndeckung

Wo lagen die Probleme der 05er? In der ersten Hälfte versuchte die Tuchel-Elf sehr schnell in die Spitze zu spielen. Das geriet in den ersten 20 Minuten oft zu hektisch. Das führte zu mangelnder Präzision. Die Berliner praktizierten da fast Manndeckung. Hajime Hosogei als Sechser in der defensiven Tiefe schnappte sich 05-Zehner Nicolai Müller, an den Seiten pressten die Außenverteidiger Peter Pekarik und Fabian Holland gegen die 05-Außen Shawn Parker und Maxim Choupo-Moting, die Innenverteidiger Levan Kobiashvili und Sebastian Langkamp klemmten Mittelstürmer Shinji Okazaki ab. Die Mainzer Torhancen kamen, als Parker damit begann, seine Rolle kreativer auszufüllen, mit Positionswechseln. Da bekamen die Herthaner Probleme mit ihren starren Zuordnungen. Kein Zweifel, in der Phase ab der 20. Minute hätten die 05er diese Partie in günstigere Bahnen lenken können. Das war Dominanz da, Offensivdruck, da kamen die Strafraumszenen. Viele Balleroberungen im Mittelfeld hätten zu noch mehr klaren Umschaltchancen führen können. Aber die 05er verschluderten einige leichte Weiterleitungen. Ein Führungstor, und die im engen Block verteidigende Hertha hätte mit mehr Risiko nach vorne reagieren müssen.

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In der zweiten Halbzeit wirkten die Gastgeber in der Startphase unkonzentriert. Der Rückstand nach dem groben Fehler von Maxim Choupo-Moting stellte dem Team eine echte Aufgabe. Gut gelöst. Keine Hektik, sondern Ruhe. Präziser Aufbau, Spielkontrolle, mehr Tempo. Der Ausgleich. Danach begannen wieder die Probleme. Die Anhänger hofften jetzt auf die entscheidende Druckphase, doch die 05-Profis wirkten verzagt. Die Hertha hatte zwar nach vorne immer beide Flügel besetzt mit Sami Allagui und dem gelernten Außenverteidiger Johannes van den Bergh, auch Torjäger Ramos war viel unterwegs, aber das hätte man leicht nach vorne verteidigen können. Doch die 05er ließen sich beeindrucken, auch weil der zur Pause eingewechselte schussgewaltige Ronny jetzt zusätzliche offensive Momente aus dem Zentrum einbrachte. Die 05er standen hinten sehr schnell sehr tief, oft mit sechs, sieben, acht Mann. Die Abstände zur Offensivabteilung waren groß. Die Sechser Johannes Geis und Christoph Moritz rückten zu spät nach vorne raus, kaum Kombinationsspiel durch die Mitte, viele lange Schläge. Und für eine wirkungsvolle Eroberung der abgewehrten Bälle waren die 05er vorne fast immer in Unterzahl. Die Phase nach dem Ausgleich bis zum Abpfiff war nicht gut gespielt von den Gastgebern.

Umstellung auf die Mittelfeldraute

Daran änderte auch nichts die Umstellung auf die Mittelfeldraute nach der Einwechslung von Ja-Cheol Koo für den abgetauchten Parker. Koo versuchte als Zehner, mehr Geschwindigkeit, mehr Passkreativität einzubringen. Aber die 05er kamen nicht in die Tiefe. Auch, weil der dann auf die rechte Angriffsseite verschobene Nicolai Müller an diesem Tag einige Probleme in der Ballannahme, in der Raumorientierung, im offensiven Zweikampf hatte. Dazu kam, dass die 05er es nicht schafften, in der gegnerischen Hälfte die Umschaltungen der Hertha zu stoppen. Deshalb musste das gesamte Team immer wieder weite Wege nach hinten machen. Die Rolle des schlauen Hosogei, der Müller und Koo extrem gut bearbeitete im Zehnerraum und der darüber hinaus im Aufbau immer wieder geschickt aus der Tiefe Bälle verteilte, bekamen die 05er nie kontrolliert.