Rehbergs Analyse: Starke Auswärtsleistung mit Perspektive

Loris Karius im direkten Duell mit Raul Bobadilla. Der 05-Keeper war einer der Matchwinner. Foto: dpa

Eine läuferisch und kämpferisch hervorragende sowie defensiv sehr gut organisierte Auswärtsleistung zeigte Mainz 05 in Augsburg, findet Reinhard Rehberg nach dem 2:0-Sieg...

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. Mitten im Abstiegskampf sprengen die 05-Profis ihre Grenzen. Der zweite Auswärtssieg in dieser Saison (der erste gelang am 3. Spieltag). Der erste Bundesligasieg in Augsburg. 2:0 als Gast einer auf Europakurs segelnden Überraschungself. Der erste Auswärtssieg in der noch jungen Erstligakarriere des neuen Trainers Martin Schmidt. Die dem Schweizer aufgetragene Mission hat ein Markenzeichen: Trainercrew und Mannschaft produzieren unter einem nicht unerheblichen nervlichen Druck eine bemerkenswerte Qualität.

Und vor dem Hintergrund, dass der FSV Mainz 05 vor dem Finaltag dieser Saison mit dem Auftritt beim FC Bayern München mindestens drei, besser vier Punkte Vorsprung vor dem Relegationsplatz haben sollte, war das ein kapitales Ergebnis in der SGL-Arena. Ein Durchbruch, der signalisiert: Auch die Spiele auf fremden Gelände können ein paar Zähler beisteuern für ein gut gefülltes Rettungskonto nach dem 33. Spieltag.

Das geht oft unter, deshalb wollen wir diesmal damit beginnen: Die 05er können sich verlassen auf einen sehr guten Torwart, und das ist immer die Grundlage für Auswärtserfolge. Sehr viel zu tun hatte Loris Karius in Augsburg nicht, seine Vorderleute haben extrem aufmerksam, klug und konsequent verteidigt. Aber als der schlaksige junge Mann, der im Juni gerade mal 22 Jahre alt wird, gefordert war, da packte er zwei überragende Paraden aus.

Eine Minute vor dem Halbzeitpfiff lief Raul Bobadilla unbedrängt auf den 05-Kasten zu. Karius säbelte dem Sturmbrecher nicht über den Rasen schlitternd die Beine weg, Karius pumpte sich beim Rauslaufen mit abgeklärter Übersicht auf. Wie ein Eishockeykeeper, kompakte Körperstellung, ein Bein raus, beide Arme raus. Stürmer unter Druck gesetzt, eine breite Abwehrfläche, kein Elfmeterangebot. Bobadilla scheiterte an der breiten Brust des Torwarts. Die 05er gingen mit der 1:0-Führung in die Kabine.

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Acht Minuten vor dem Abpfiff stand der eingewechselte Shawn Parker frei vor dem Kasten. Eine überragende Flanke von links, der ehemalige 05-Stürmer nahm die Kugel an der 5-Meter-Linie direkt, das war kein Vollkontakt, aber eine eklige Weiterleitung der Kugel aufs rechte Eck. Karius musste mittig aus dem Stand heraus reagieren, eine der schwierigsten Übungen für Torhüter. Karius drehte die Kugel im Sprung mit den Fingerkuppen um den Pfosten. Die 05er gingen mit der 1:0-Führung in die Endphase. Loris Karius war einer der Matchwinner.

Prächtig herausgespielter Führungstreffer

Den Weg zu diesem Erfolg ebnete der prächtig herausgespielte Führungstreffer, dem die Augsburger leicht verkrampft und genervt hinterherrannten. Ein Musterbeispiel für die Vorteile der mutigen Vorwärtsverteidigung. Stefan Bell fing weit vor dem eigenen Strafraum einen Angriff ab, der Innenverteidiger hatte sofort den Umschaltgedanken, ein gewagtes, aber technisch sehenswertes Dribbling, ein kurzer Diagonalpass durch die Pressinglinie des Gegners, Pablo de Blasis enteilte, der beidfüssig begabte Argentinier dirigierte die Kugel mit links zu Shinji Okazaki, und dessen Dropkickhammer war die Aktion eines Torjägers, der sein Selbstvertrauen zurückerlangt hat. Besser kann man einen Tempoimpuls nicht auflösen.

Und dann zeigte beim 2:0 kurz vor dem Abpfiff auch noch ein anderer Asiate sein Können. Da wurde endlich mal wieder deutlich, warum Ja-Cheol Koo fünf Millionen Euro Ablöse gekostet hat. Die schnelle und kurze Drehung des Koreaners mit Ball am Fuß um den Gegenspieler herum, und wie er dann gefühlvoll den Spannstoß ansetzte, der die Kugel im kurzen Eck unhaltbar unter der Latte einschlagen ließ, das war Qualität.

Perfekter Ersatz für den ausgewechselten Hofmann

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Koo ersetzte den schon nach 20 Minuten verletzt ausgewechselten Jonas Hofmann perfekt. Die flinken Bewegungen des Koreaners, seine Ballsicherheit, seine Schnelligkeit, seine Körpertäuschungen auf engen Räumen - diese individuellen Fähigkeiten waren gefragt an diesem Tag gegen diesen aggressiven, durchgehend hart gegen den Ball und gegen den Mann arbeitenden Gegner.

Martin Schmidts taktische Maßnahmen haben gegriffen in Augsburg. Bis zum 1:0 liefen die 05er vorne gut an im defensiv eng organisierten flachen 4-4-2. Mit Gegenpressing unterbanden die Mainzer bis auf wenige Ausnahmen die von den Augsburgern geliebten und automatisierten Umschaltüberfälle. Auch die Bemühungen um einen konstruktiven Ballbesitz mit kurzen Ballkontaktzeiten gegen die Pressingattacken des FCA nahmen den Gastgebern die Wucht.

Schmidt-Team behielt Kontrolle im Mittelfeld

Im Angriffsdrittel fehlte den 05ern zwar die Präzision, aber in den Mittelfeldzonen hatte das Schmidt-Team die Kontrolle über das Geschehen, da funktionierten die Passpassagen, da bekam die Elf von Markus Weinzierl keinen wirkungsvollen Zugriff. Der Zwang, über Ballbesitzphasen gegen einen dichten Defensivblock zu Torchancen kommen zu müssen, überforderte den FCA.

Lediglich nach einem schlecht ausgeführten Eckball der Gäste (nach einer guten Chance für Yunus Malli) ergab sich mal eine gefährliche Kontersituation, da bewegten sich die Augsburger im Vollsprint auf vier, fünf Bahnen im Stile von Borussia Dortmund Richtung gegnerischen Strafraum. Bobadillas Topchance zerstörte Karius. Das war die kurze Phase vor der Pause, als die 05er mit ihren etwas wilden Offensivattacken Konterräume hergaben. Die Weitschüsse von Halil Altintop waren aber nicht das geeignete Abschlussmittel.

Mainzer Entlastungszüge nerven Augsburg

Die Druckphase des FCA nach Wiederanpfiff verteidigten die 05er geschickt, bei Bedarf tief und kompakt, mit einer glänzenden Raumaufteilung, immer giftig im Zweikampf. Dann ersetzte Schmidt den müde gelaufenen de Blasis durch Gonzalo Jara. Der Chilene verteidigte rechts hinten, dafür sollte der schnelle Daniel Brosinski an der Linie die Konter fahren. Auch dieser Schachzug ging auf. In der Schlussszene mit Koo hätte Brosinski schon das 2:0 markieren können frei vor Keeper Marwin Hitz. Wichtig war: Die Mainzer starteten über Malli, Koo, Okazaki und Brosinski immer ihre Entlastungszüge. Das nervte die Augsburger, die immer wieder von hinten neu aufbauen mussten.

Das war eine ausgesprochen pragmatische, wirkungsvolle, läuferisch und kämpferisch hervorragende, defensiv sehr gut organisierte Auswärtsleistung. Mit Abschlusseffizienz. Dieser Stil könnte im kommenden 05-Heimspiel auch den VfL Wolfsburg mit seiner Galaoffensive in Bedrängnis bringen.