"Unwort des Jahres": "Alternative Fakten"

Das "Unwort des Jahres" wird seit 1991 jährlich von einer aus Sprachwissenschaftlern besetzten Jury gekürt. Foto: Andreas Kelm

Das "Unwort des Jahres" 2017 heißt "alternative Fakten". Das gab Jury-Sprecherin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt bekannt.

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DARMSTADT. Die Künstler, die regelmäßig eine Fotoausstellung zum "Unwort des Jahres" gestalten, haben sich diesmal einen kleinen Spaß erlaubt. Ihre Gruppe sei innerhalb eines Jahres von zehn auf 54 Köpfe gewachsen, teilen sie mit, und zur Eröffnung der Ausstellung sei "ein gewisser Mr. Trump" angefragt, der das Thema "leidenschaftlich bereichern" werde.

Aber es sind nur zehn Fotografen, und Donald Trump wird gewiss nicht ins Foyer der Staatstheater-Kammerspiele kommen. Die Künstler haben "alternative Fakten" aufgetischt: Diesen Begriff hat die sprachkritische Jury bei ihrer 27. Wahl zum "Unwort des Jahres" gewählt. Der Ausdruck sei Sinnbild für besorgniserregende Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch, vor allem in den sozialen Medien, sagte Nina Janich, Sprachwissenschaftlerin an der Technischen Universität Darmstadt und Sprecherin der fünfköpfigen Jury, die sich diesmal Verstärkung durch eine unbekannte Frau namens "Barbara" geholt hat: Hinter diesem Pseudonym steckt eine mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Streetart-Künstlerin, die selbst sprachkritisch arbeitet, indem sie Aufkleber mit eigenen Texten verbreitet, zum Beispiel das Bekenntnis "Ich liebe vielschichtigen Humor", oder auch die weltanschauliche Mahnung "Keine Religion ist falscher als die andere. Alle sind gleich falsch." Die Künstlerin hatte in sozialen Netzwerken rund 3500 Unwort-Vorschläge gesammelt.

Der Begriff "alternative Fakten" war in den USA geprägt worden. Nach der Amtseinführung des Präsidenten Donald Trump, hatte dessen Beraterin Kellyanne Conway behauptet, dieses Ereignis sei auf den Straßen von so vielen Menschen gefeiert worden wie nie zuvor bei diesem Anlass. Auf den Bildern war das Gegenteil zu erkennen, aber Conway wusste sich im Besitz "alternativer Fakten". Der Begriff, urteilt die Unwort-Jury, "steht für die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis durch nicht belegbare Behauptungen zu ersetzen, die dann als legitim gekennzeichnet werden". In Deutschland freilich werde der Begriff ausschließlich distanzierend und mahnend gebraucht, sagte Jury.

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"Alternative Fakten" war von 65 Einsendern als Unwort des Jahres vorgeschlagen worden. Mehr Nennungen erreichte nur der Begriff "Babycaust", der im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbrüchen verwendet worden war; weitere Vorschläge aus den 1316 Einsendungen waren "Nazi", "Sondierungsgespräche", "ergebnisoffen", "Jamaika-Koalition", "atmender Deckel", "Obergrenze", "Fake News" oder "Bio-Deutscher". Die Jury entscheidet jedoch nicht nach Zahl der Nennungen. Das zeigen auch die beiden weiteren Begriffe, die ebenfalls als Unwort gerügt wurden. Als "Shuttle-Service" bezeichnete Stephan Mayer, innenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, die Seenotrettungseinsätze, mit denen Hilfsorganisationen im Mittelmeer das Leben von Flüchtlingen retten. "Damit werden sowohl die flüchtenden Menschen als auch vor allem diejenigen diffamiert, die ihnen humanitäre Hilfe leisten", begründete die Jury ihre Wahl. Der Ausdruck "Shuttle-Service" stehe "stellvertretend für Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch, die Grenzen des Sagbaren in eine menschenverachtende, polemisch-zynische Richtung zu verschieben".

Schließlich wurde "Genderwahn" zum weiteren Unwort erklärt, weil es in konservativen und rechtspopulistischen Kreisen das Bemühen um Geschlechtergerechtigkeit diffamiere.