Von nervigen Pärchen

Zwei Schwäne. Archivfoto: Feis

Das nervige Pärchen fordert seine Mitmenschen, macht sie zuerst zu Zeugen seiner romantisch-schnäbeligen, später zu Zeugen seiner sich auflösenden befindenden Liebe.

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. Das nervige Pärchen fordert seine Mitmenschen, macht sie zuerst zu Zeugen seiner romantisch-schnäbeligen, später zu Zeugen seiner sich auflösenden befindenden Liebe. Das kann Jahre dauern, Monate oder Wochen. Manchmal aber muss man mit einem solchen Nervpärchen nur einen Abend verbringen, um zu wissen, wo der Weg hinführt. Auf- und Abgesang dieser Liebe erfolgen dabei wie im richtigen Leben in sechs Phasen.

Das Nervpärchen kam gestern aus dem Urlaub zurück, gerade rechtzeitig, um dem gemütlichen Abend im Freundeskreis beizuwohnen, zu dem es eigentlich gar nicht eingeladen war. Dummerweise hatte der Gastgeber das Rückkehrdatum der beiden Nervensägen falsch in Erinnerung. Erwartungsfroh blickt das Pärchen in die Runde. Die Gesichter sagen: Jetzt fragt uns doch endlich, wie es im Urlaub war! Irgendeiner erbarmt sich anstandshalber und stellt motivationslos die rhetorische Frage: "Und? … Wie war's im Ur ...?" Das Nervpärchen springt sofort darauf an, tut furchtbar überrascht über so viel ehrliches Interesse und legt gleich los:

In Phase eins, der Phase der BEDINGUNGSLOSEN SELBSTAUFGABE, klärt unser Nervpärchen erst einmal die Frage, wer von beiden die größere Kompetenz besitzt, den Freunden vom Urlaub zu berichten:

"Erzähl Du's ihnen, Hasilein, Du kannst das doch viel besser als ich."

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"Aber nein, Mausezähnchen, Du bist die Eloquentere von uns beiden. Erzähl Du!"

Begleitet wird das Schauspiel von pausenlosem Aufeinanderhängen und sich Aneinanderdrücken. Dazwischen schiebt sich das Pärchen was essbar ist gegenseitig in die Münder, beäugt sich gierig über die Gabel hinweg, busselt und schmust, was die Spucke hergibt.

Phase zwei, die WIR-SPRECHEN-AUS-EINEM-MUND-Phase, beginnt mit einer Entscheidung: Er, Hasilein, wird erzählen. Das steht - nach halbstündiger Diskussion endlich - fest.

Er: "Also wir waren in Griechenland auf ..."

"... der Insel Samos", wirft sie ein, als hätte er's vergessen.

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Er: "Genau, auf Samos. Die Fahrt dorthin war alles andere als, na sagen wir mal, ..."

"... angenehm?", pfeift sie in höchstem Ton und blickt in die Runde, um sich in den neugierigen Blicken der Freunde zu sonnen. Die bleiben aus, sie merkt es nicht.

Er: "Richtig. Vor allem die Fähre hat dafür gesorgt, dass ..."

Sie: "... dass wir uns das Frühstück nochmal durch den Kopf gehen lassen mussten. Aber so richtig ordentlich, wenn ihr versteht, was ich meine."

"Willst Du vielleicht weitererzählen, Mäusezähnchen?", fragt er sie vorsichtig. Nein, nein Hasilein, antwortet sie, er sei ja nun doch eindeutig der bessere Erzähler. Sachte geht das Pärchen in Phase drei über, die Phase der gegenseitigen VERBESSERUNG. (Im richtigen Leben der Moment, in dem beide versuchen, den anderen so zu ändern, dass er doch noch aufs Idealbild passt.)

Er: "Wir haben in einem Hotel in Pythagoereion gewohnt."

Sie: "...ge-haust, trifft's wohl eher!"

Er: "Schon bei unserer Ankunft im Drei-Sterne-all-inklusive-Hotel haben wir ..."

Sie: "Es waren vier Sterne, Schatz!"

"Hast recht, Schatz!", grummelt er, verleiht seinem Missmut durch die besondere Betonung von SCHATZ Nachdruck.

Es folgen dreißig Minuten detaillierteste Ausführungen und Diskussionen darüber, ob die Fliesen im Badezimmer nun Schweinchen- oder Altrosa waren, ob ein Speiseangebot mit Bananen, aber ohne Trauben in einem EU-Land akzeptabel ist und ob es zum Strand nun drei oder fünf Minuten Fußweg waren.

Die Hälse der Freunde schwellen sichtbar, die Gedanken kreisen. Blicke schießen hin und her. Jeder sucht den Heiland, der das Martyrium beendet, im jeweils anderen und zugleich nach einer Lösung, das Schauspiel für sich selbst erträglicher zu machen: Die einen schalten ab, die anderen holen die harten Getränke für ein bisschen Linderung. Der Gastgeber gibt sich sichtlich Mühe, nicht die Contenance zu verlieren und mit gezielten themenfremden Zwischenfragen an die unsäglich gequälten Zuhörer den Redefluss des Pärchens zu stören. Der Versuch misslingt.

"Am dritten Tag sind wir, so gegen halb zehn, ins Naturkundemuseum gefahren", fährt der männliche Part des Nervpärchens unbeeindruckt fort.

"Nein Schatz, das war nicht am dritten, sondern am vierten Tag", hakt sie ein. "Und es war nicht halb zehn, es war schon viertel vor zehn. Du hast doch so lange auf dem Klo verbracht, weißt du nicht mehr?" Phase vier, die Phase der ERNÜCHTERUNG, beginnt. Das Nervpärchen ist sich nun nicht mehr so zugetan. Die Raumtemperatur sinkt merklich. Er tut etwas, was er vorher noch nie getan hat: Er wagt es zu trotzen.

"Muss das jetzt sein, dass du jedem erzählst, wie lange ich auf dem Klo bin?" Sie reagiert alles andere als verständnisvoll. Übergeht seinen Auflehnungsversuch. "Ach Mann, Du kriegst es doch eh nicht gebacken. Lass mich mal erzählen", spricht's und plappert munter weiter über den Mundgeruch des Kellners, die Farbe der Eierbecher am Frühstücksbuffet und die nervigen britischen Touristen, die betrunken den Strand verpesteten.

Doch so schnell gibt der männliche Part des Nervpärchens nicht auf, in Phase fünf steigert er den WIDERSTAND. Es kommt zum Streit zwischen beiden. Jetzt geht es um Grundsatzfragen:

Er: "Du nimmst mich nie ernst."

Sie: "Und du lässt mich nie ausreden."

Die Argumente werden sachlicher:

Er: "Du zickst nur rum."

Sie: "Und Du bist ein Vollidiot."

In Phase sechs werden auch die armen FREUNDE mit hineingezogen.

"Ich habe deine Besserwisserei satt. Immer willst du Recht haben", beginnt sie zu schmollen und schleudert ihren Kopf in die Richtung des Gastgebers. Der Ärmste schafft es nicht rechtzeitig, sich ihrem Blick zu entziehen und der Frage: "Findest du nicht auch, dass DER da (Kopfnicken zum Freund hin) immer Recht haben will?"

Worst case! Alarmstufe Rot! Für den Gastgeber eine Situation, in der er nur verlieren kann. Kunstpause, durchatmen, Versuch einer Schlichtung: "Also ich finde, ihr ..."

Siehst du", kreischt sie, "er findet auch, dass du immer Recht behalten willst ..."

"Ach bitte", stöhnt da der Gastgeber, "bitte, lasst Euch doch einfach scheiden. Setzt keine Kinder in die Welt, geht nicht über Los und zieht keine 2.000 Euro ein für eine neue Runde!"

Silvia Bielert