WM-Einwurf: Ein Turnier für alle Sinne

Die Fans egal welcher Nation feiern in Russlands Hauptstadt ein herzliches Fest. Foto: Imruck

Russland hat sich herausgeputzt. Zur 21. Fußball-Weltmeisterschaft präsentiert sich das größte Land der Erde bunt, offen, tolerant und gastfreundlich. Viele...

Anzeige

. Von Martin Imruck

Präsident Wladimir Putin versteht es, wie schon bei den Olympischen Spielen 2014, Land und Leute perfekt in Szene zu setzen. Doch sein größter Trumpf sind nicht die perfekte Organisation oder die gut durchdachten und stets freundlichen Sicherheitskontrollen, von denen es in der Stadt zur Genüge gibt. Nein, es sind die Menschen, die beflügelt von der Leidenschaft und dem Willen der Sbornaja das Turnier zu einem der schönsten Fußballfeste der Geschichte machen.

Hilfsbereit, zuvorkommen, freundlich und lebensfroh: das klang für die meisten Gäste vor Turnierbeginn sicherlich nicht nach dem russischen Stereotyp. Und dennoch: menschlich und atmosphärisch dürfte diese Weltmeisterschaft als eine der besseren in Erinnerung bleiben.

Bunte Straßen, gast- und fanfreundliche Russen

Anzeige

Bis in die hinterste Straße zieren WM-Fahnen oder Girlanden die Fassaden und Laternen in Moskau. Schier endlos erstreckt sich die zauberhafte Lichterkette in der Nikolskaya, der „Straße der Lichter“. Hier, wo sich Restaurants und Bars aneinanderreihen, erklingen vom späten Nachmittag an bis tief in die Nacht Fangesänge der Afrikaner, Europäer sowie Süd- und Mittelamerikaner. Nirgendwo anders in der Stadt ist die ausgelassene, fröhliche Fußballfest-Stimmung so spürbar wie hier.

Auch preislich ist die WM top. Essen- und Getränkepreise sind nahezu gleich geblieben und für das größte Fußball-Event der Welt sehr human. Aber auch bei der Vernetzung vor Ort zeigen sich die Russen von ihrer besten Seite. Fahrten mit der Metro sind an Spieltagen kostenlos. Gegen Anmeldung ebenso die mehr als 500 zusätzlichen Zugverbindungen, die der Gastgeber für die Fußballfans eingerichtet hat. Und auch im Zentrum, rund um den Roten Platz, haben die Verantwortlichen alles dafür getan, die durch die Fans entfachte Euphorie aufrecht zu erhalten. Gleiches gilt für die Fan-Feste, die die Massen zum Public Viewing zusammenbringen.

Gedanken fernab von Gesängen und Jubeltrauben

Bei aller Freude im Land gibt es dennoch auch einige Dinge, die einen nachdenklich stimmen. Die vielen „Säuberungsaktionen“ beispielweise, die es im Vorfeld der WM im Moskauer Stadtgebiet gegeben haben muss. Kaum Tauben in der Innenstadt, keine Bettler oder streunenden Hunde – zusammengepfercht, teilweise eingeschläfert worden sollen sie sein, so heißt es. Weit im Vorfeld des Turniers, viele Kilometer vor der Stadt ausgesetzt, in der Hoffnung, dass sie den Rückweg in die Metropole alsbald nicht finden werden. So grauenhaft diese Vorstellungen sind, sie werden übertüncht von jubelnden Fans, die sich in den Armen liegen: singend, lachend oder weinend. Von russischen Polizisten, die dem Freudentaumel freien Lauf lassen, anstatt repressiv gegen etwaige Regelverstöße vorzugehen. Das Land steht Kopf. Alle Aufmerksamkeit gilt dabei dem Sport, der Freude und Leidenschaft der Fans, und nicht dem Leid, das es vor dem Turnier auch gegeben haben muss und nach dem 15. Juli sicherlich auch wieder geben wird.

Allein deswegen lohnt sich ein zweiter Besuch in Russlands Hauptstadt, fernab von WM-Trubel und organisierter Glückseligkeit. Für die Russen kann man nur hoffen, dass die Menschen die Fröhlichkeit noch möglichst weit über das Finale am Sonntag hinaustragen. Schade wäre es darüber hinaus ohne Zweifel, wenn die Außenwahrnehmung des Landes nach den Fußball-Festwochen wieder in das Trübsal und die Negativschlagzeilen der Vergangenheit verfällt. Nach so viel Gastfreundlichkeit und Weltoffenheit wäre das die denkbar schlechteste Variante - und zwar für alle.

Anzeige

Zur Info: Unser Volontär Martin Imruck war drei Wochen beruflich in Moskau und hat die Deutsche Mannschaft und das Turnier dort intensiv verfolgt.