WM in Brasilien: Fußball-Begeisterung im Land der Gegensätze

Auch die Kinder in Rio de Janeiro spielen gern Fußball und freuen sich über die geschmückten Gassen. Foto: dpa

Brasilien freut sich auf die Fußball-Weltmeisterschaft und fiebert dem Eröffnungsspiel gegen Kroatien entgegen. In einem Land der wirtschaftlichen Gegensätze, wo Arm und...

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. Von Eva Hüttmann

Kinder kicken barfuß eine Blechbüchse auf einer holperigen Sandpiste herum. Sie umlaufen geschickt die in der Hitze stinkenden Abfälle und warten ungeduldig am Straßenrand, wenn ein Fahrzeug ihr Spielfeld kreuzt. Wenige Meter Luftlinie entfernt ist ein Kunstrasenp latz eingezäunt, kein Blättchen Laub liegt herum. Auch hier wird gekickt: Die Kinder der Oberschicht trainieren unter der strengen Aufsicht eines gut bezahlten Coaches, ihre Trikots tragen die Firmenlogos großer Sponsoren.

Das ist Brasilien: Das Land des Fußballs, und ein Land der extremen Gegensätze. Allenthalben liest man aktuell davon. Es ist zu erfahren, wie weit die Schere der Gesellschaftsschichten mittlerweile auseinandergeht. Hier und dort wird immer mal wieder darauf hingewiesen, wie sehr ein großer Teil der Bevölkerung darunter leidet, dass ganze Dörfer zugunsten des Ausbaus großer Zufahrtsstraßen umgesiedelt werden oder darunter, dass das Geld, das ganz offensichtlich doch vorhanden ist, eben nicht in den Bau von Krankenhäusern und Schulen, sondern in ein nach außen strahlendes Fußballstadion gesteckt wird. Spendenkonten und Links zu Hilfsorganisationen finden sich reihenweise in den Infokästen der Zeitungsartikel. "Oh," denkt der geneigte Leser, "das sind ja wirklich schlimme Zustände! Da muss man doch etwas tun!" - und überweist zehn Euro und vergisst's. Stattdessen ärgert er sich, dass ihm sein Arbeitgeber keine Verschiebung seiner Schichten einräumt, wo doch die WM-Spiele zeitlich so ungünstig liegen!

Wer bezahlt das Turnier wirklich?

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Brasilien liebt den Fußball. Über alle Grenzen zwischen den Gesellschaftsschichten hinweg. Schon allein deshalb kann es keine Fehlentscheidung sein, die Weltmeisterschaft, die "Copa do mundo", dort auszutragen. Auch, die ganze Veranstaltung als Bühne für das Land zu nutzen und sich der gesamten Welt als blühende Wirtschaftsmacht-to-be und damit als möglicher Handels- und guter Investitionspartner zu präsentieren, ist nicht grundsätzlich verwerflich. Jedoch wecken die mehr und mehr zum Vorschein kommenden Kratzer unter der glänzenden Oberfläche nur all zu sehr Erinnerungen an Südafrika 2010 und lassen zugleich eine Vorahnung auf Katar 2018 zu. Ich als bekennender Fußballfan frage mich: Unter welchen Bedingungen werden die Stadien gebaut, zu welchem Preis und vor allem: Wer bezahlt am meisten dafür? Und: Was passiert nach der Weltmeisterschaft damit? In Südafrika stehen viele Stadien die meiste Zeit über leer und auch Katar ist nicht als große Fußballnation bekannt, in der die Stadien auch nach der WM regelmäßig gefüllt sein werden. In Brasilien ist der Blick immerhin noch auf die Olympischen Spiele 2016 gerichtet. Aber auch hier ist fraglich, ob mit dem hohen Preis menschlicher Existenzen nicht zu viel bezahlt ist.

Vielzahl von Spezialitäten

Doch trotz all der Missstände freuen sich nicht nur die oberen Zehntausend des Landes auf die WM. Denn Brasilianer können feiern und das werden sie, ob arm, ob reich, zu diesem großen Fest ihres Landes ausgiebig tun. Dabei werden nicht nur Unmengen von Bier, Cachaça und Guaraná fließen, sondern vor allem Berge von Essen aufgetischt werden, die dann von großen Kreisen Verwandter und Freunde verspeist werden: im Süden halbmannsgroße Fleischspieße vom Grill, in der Küstennähe Fisch- und Krabbengerichte und im Amazonasgebiet exotische Kombinationen aus Hühnchenfleisch und Palmherzen in Bananenblättern. Dazu werden landesweit Reis und Bohnen gereicht, wobei es von letzteren übrigens fast so viele Sorten wie Hautfarben in Brasilien gibt: von fejão branco (weiße Bohnen) über fejão vermelho (rote Bohnen) und fejão mulatinho ("kleine Mulatten") bis fejão preto (schwarze Bohnen) ist alles dabei. Nicht zu vergessen die Nachspeisen, bei denen sich von Nord bis Süd insbesondere die kleinen Pralinen namens Brigadeiros großer Beliebtheit erfreuen. Und da die Brasilianer kein Volk sind, das lange still sitzt, wird bei jedem Tor nicht nur laut gejubelt, sondern auch getanzt, je nach Region Samba, Bossa Nova oder Carimbó.

Fest der Solidarität

Trotz der extremen Unterschiede zwischen arm und reich gibt es also Vieles, was einen Brasilianer zum Brasilianer macht, unabhängig vom sozialen Milieu. Lassen Sie uns also feiern mit diesem Volk, lassen Sie uns uns anstecken lassen von der brasilianischen Fröhlichkeit und Herzlichkeit. Wir als Zuschauer sind viele und haben die Chance, nicht nur gemeinsam zu feiern, sondern auch zu protestieren und auf Missstände hinzuweisen. - Nutzen wir diese Weltmeisterschaft und machen wir sie zu einem Fest der Solidarität und Gerechtigkeit.

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Der nächste Beitrag widmet sich Kroatien.