Hunde als Kinderersatz – was Hunde-Experte Martin Rütter...

Ob Geburtstagstorte (hier im Bild) oder rutschfeste Socken – dem Hund ist  längst nichts Menschliches mehr  fremd.   Foto: KikoStock – adobe.stock  Foto: KikoStock – adobe.stock

Hundebesitzer behandeln ihre Lieblinge, als wären sie deren Eltern. Bleibt die Frage, ob Herrchen und Frauchen noch ganz bei Trost sind.

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. Natürlich ist es vermessen, Hunde und Kinder zu vergleichen. Da bestehen schließlich gravierende Unterschiede, allein schon was den Aufwand, die Sorgfaltspflicht oder eventuelle Karriereoptionen betrifft. Dennoch: Hundebesitzer und Eltern unterscheiden sich in der Ausprägung ihrer Liebe und Fürsorge manchmal nur noch in Nuancen voneinander. Man spricht da mitunter von der „Vermenschlichung“ eines Haustieres.

Hand aufs Herz: Ein Teil des Zusammenlebens mit einem Hund besteht darin, dem Tier Fragen zu stellen und sich diese dann mit verstellter Stimme selbst zu beantworten. Das ist unterhaltsam, wenn sonst niemand anwesend ist, den man gerade vollquatschen könnte. Auch im Rahmen hitziger Diskussionen ist da einiges zu holen, denn man wird immer recht behalten. Kurz: super Zeitvertreib, der beidseitig dennoch in etwa mit dem Informationsfluss zu vergleichen ist, würde man ein kleines Kind bequasseln.

So in etwa lassen sich laut Studien des kanadischen Psychologen Stanley Coren die Fähigkeiten von Hunden beschreiben: Sie sind ungefähr auf dem Stand von Zweieinhalbjährigen. Denen sind elterliche Befindlichkeiten, Diskussionen über die Blockchain, Handelsembargo und die Zukunft der Sozialdemokratie meist auch noch wurscht – da geht’s eher um Elementares: Essen, Trinken, Pipikacka, Zuneigung und Spaß. Der Liebe tut das freilich keinen Abbruch. Und weil der Papa das so beschlossen hat, sitzt das Töchterchen eben im The-Clash-Strampler auf der Couch, obwohl sie die Band noch gar nicht kennt und andere Lieder viel lustiger findet. Das kennt auch der Hund, der sich im Halsband des 1. FC Köln durch die Wohnung schnuppert.

Wenn der Mensch vegan lebt, frisst so auch der Hund

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„Wenn man seinen Hund mal vermenschlicht, geht ja nicht direkt die Welt unter“, sagt Martin Rütter. „Ich habe meinem Hund abends auf der Couch auch schon mal meine Sorgen und Nöte des Tages erzählt. Kein Problem.“ Rütter ist ein guter Berater, wenn’s um Vierbeiner geht. Der 47-Jährige erklärt im Fernsehen die Welt der Hunde, tourt mit dem Programm durch die Hallen des Landes, schreibt Bücher und trainiert im Nebeneffekt Menschen. Dass die Tierliebe groteske Züge annehmen kann, weiß er einzuschätzen: „Es darf nur nicht eskalieren, dass ich zum Beispiel permanent meine Wünsche auf den Hund projiziere.“ Denn das schüre Erwartungen, die kein Hund erfüllen kann.

Wer liebt, möchte natürlich auch verwöhnen. Die Palette an Aufmerksamkeiten für Hunde ist mittlerweile stattlich: Angefangen bei unzähligen Ernährungsphilosophien über Nützliches wie Leinen, Halsbänder, Quietschespielzeug oder Körbchen bis hin zu grobem Unfug gibt’s kaum Grenzen. Hundemassage, -Fotostudios, -Psychologen – alles ist verfügbar. Die Fressnapf Tiernahrungs GmbH umfasst in Deutschland mittlerweile fast 900 Filialen – zwar nicht ausschließlich für Hunde, doch grob zwei Drittel der Umsätze werden mit Artikeln für Hunde erwirtschaftet. Denn was die Nahrung für Hunde angeht, lässt sich beobachten, dass die Vielfalt an verschiedenen Nahrungsideologien gleichsam mit der des Menschen zugenommen hat. Vegan, glutenfrei, Frischfleisch, Bio, Vitamine – gibt’s jetzt alles auch für den Hund. Da gehen die Vorlieben der Halter mitunter eins zu eins auf den Hund über.

Kaum verwunderlich, dass ebenso alberner Quatsch zunimmt – immer ein bisschen Kindskopf bleiben ist schließlich wichtig. Zum Fußballabend mit Bier oder Chips können übereifrige Hundeeltern längst für den Hund auftischen: „Snuffle“, ein alkoholfreies Hundebier mit Rind- und Hühnchengeschmack, und glutenfreies Popcorn mit Schinkenflavour (50 Gramm/4,99 Euro). Und weil überschwängliche Liebe manchmal ein bisschen doof macht, gehen Hundeboutiquen wie die „Posh Puppy Boutique“ in Kalifornien oder der norddeutsche Anbieter „Luxury Dogs“ an die Grenzen: Adventskalender, Geburtstagtorten, glutenfreie Trüffelpralinen, Overalls, Hundebuggys, Halloween-Kostüme, Antirutsch-Socken oder, ja, Hochzeitskleider und Hunde-Bikinis – obwohl Hunde bislang nicht als genierliche Wassersportler aufgefallen sind.

Eigentlich schade, dass Bella nicht spricht

Unter solchen Umständen ist es fast schade, dass Hunde noch ein unbestrittenes Defizit aufweisen: Sie sprechen nicht. Sonst könnte man Bella wahrscheinlich sagen hören: „Es gibt Milliarden von Menschen – und ich bin ausgerechnet bei einem Idioten gelandet, der mich in einen Bikini zwängt.“

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Zu derartigen Gadgets und Accessoires hat auch Hundeexperte Martin Rütter einen Standpunkt: „Gegen ein mit Diamanten besetztes Halsband ist nichts zu sagen, denn es beeinträchtigt den Hund nicht. Das gilt auch für das pinkfarbene Märchenschloss als Hundehütte“, sagt er. „Gefährlich wird’s, wenn der Hund zum Oktoberfest ins Dirndl gezwängt wird. Da hört der Spaß auf, das ist Tierquälerei.“ Rütter weiter: „Solange der Hund in seiner geistigen und körperlichen Freiheit nicht eingeschränkt wird und nach seinen natürlichen Bedürfnissen entspannt leben kann, ist alles okay.“ Das würde man ja auch für seine Kinder wollen. Und da schließt sich der Kreis dort, wo die Liebe eben hinfällt.

Die Vorteile gegenüber einem „echten Kind“ dürfen aber nicht verschwiegen werden: Ein langwieriges Universitätsstudium scheidet in den meisten Fällen aus, da sich Hunde nur in Ausnahmefällen für Physik interessieren. Und das Hundemädchen wird auch nie irgendeinen spätpubertären Hallodri mit nach Hause bringen und darauf bestehen, dass er über Nacht bleibt. Es bleibt eine andere Form von Romantik: Der Verein FC St. Pauli bietet in seinem Fanshop eine Hundeleine mit der Aufschrift „You’ll Never Walk Alone“ an. Das sagt alles über die Liebe zwischen Herrchen und Hund.

Von Michael Setzer