Gastkommentar von Christian Nürnberger: Das Internet bedarf...

aus Der Mordfall Walter Lübcke

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Aus den Worten des Hasses ist eine Tat geworden. Welche Konsequenzen wir an dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ziehen müssen.

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. An die Erfindung der Zeitung war einst die Hoffnung geknüpft, dass sie den mündigen Bürger mit den Informationen versorge, die er braucht, um sich ein eigenes Urteil zu bilden. Was dann kam, war die "Bild"-Zeitung. Später wurde das Privatfernsehen eingeführt, um mehr Meinungs- und Informationsvielfalt zu ermöglichen. Was wir bekamen, waren "Tutti Frutti" und hundert Folgen "Schulmädchenreport". Noch später lautete die Verheißung, mit dem Internet werde die wahre Demokratie ausbrechen. Was wir jetzt haben, sind Kinder, die nicht wissen, warum wir Fronleichnam feiern, aber schon jede Menge Pornos gesehen haben.

Es ist ja richtig, dass das Internet insofern ein demokratisches Medium ist, als jetzt jeder berichten und kommentieren kann, wie das früher nur Zeitungen, Radio und Fernsehen konnten. Aber diese alten klassischen Medien wurden und werden noch immer nach handwerklichen Regeln gemacht und unterliegen den Gesetzen eines Rechtsstaats. Was gedruckt und gesendet wird, muss zuvor von einer Redaktion auf Wichtigkeit, Richtigkeit und Gesetzeskonformität geprüft werden.

Der einzelne Wutbürger daheim unterliegt keinerlei Kontrolle. Davon machen Millionen Gebrauch, und eben das macht das Internet zu einem Desinformationsmedium, in dem sich Lüge, Mobbing, Beschimpfung und Hass massenhaft verbreiten. Inzwischen ist aus den Worten des Hasses eine Tat geworden: der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Das allein müsste schon genügen, um das Internet, in dem das Recht des Stärkeren gilt, endlich unter rechtsstaatliche Kontrolle zu bringen.

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Aber es gibt noch mehr Gründe dafür. Der wichtigste: Weltweit organisierte rechtsradikale Gruppierungen nutzen das Internet zum Kampf gegen die Demokratie. Sie und die Fundamentalisten aller Religionen mit ihrer Misogynie, Homophobie, Xenophobie, Intoleranz und ihren Nationalismen üben heute einen beträchtlichen Einfluss auf die Weltpolitik aus. Sie leugnen den Klimawandel und wissenschaftliche Fakten. Sie sind bestens organisiert und vernetzt, und sie benutzen die Wutbürger zu Hause an ihren Smartphones als nützliche Idioten, die bereitwillig jedes Fakevideo verbreiten.

Man sehnt sich fast zurück in jene Zeiten, in denen "Bild" und Glotze die Leitmedien waren. Für die galten wenigstens noch Regeln. Selbst die "Bild"-Zeitung bemühte sich stets, nicht einfach plump zu lügen, sondern die Fakten so zu arrangieren, dass sie eine hübsche Lügengeschichte ergaben, in der nur die störenden Fakten weggelassen wurden.

Bei Facebook wird nun zwischen Lüge und Wahrheit überhaupt nicht mehr unterschieden. Dort haben kürzlich Millionen Amerikaner ein Video gesehen, auf dem die Demokratin Nancy Pelosi betrunken lallte. Sie war aber gar nicht betrunken, sondern es war nur die Geschwindigkeit der Aufnahme auf 75 Prozent reduziert und die Tonhöhe von Pelosis Stimme so verändert worden, dass der Eindruck entstand, sie sei betrunken. Der Schwindel flog auf, und wenn es in den USA noch mit rechten Dingen zuginge, hätte Facebook das Video sofort gelöscht. Aber das Video blieb im Netz. Begründung der Facebook-Vizepräsidentin Monika Bickert: "Wir glauben, es ist wichtig, dass die Leute ihre eigene, informierte Entscheidung treffen, was sie glauben."

Die Wahrheit ist: Facebooks Profit steigt mit der Aufmerksamkeit, die eine dort veröffentlichte "Information" erzielt. Deshalb ist die ganze Medienmaschine so programmiert, dass sie möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugt - egal mit welchem Inhalt. Er darf gerne kreativ sein, aber Kreativität ist ein knappes Gut. Also braucht es eben die Pöbeleien der Talentfreien, die Fakes interessierter Kreise und die Hetze der Rechtsradikalen im religiösen Tarnanzug. Sie bringen den Umsatz.

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Deshalb müssen die Internetmonopolisten gesetzlich gezwungen werden, ihre Läden so umzuprogrammieren, dass konstruktive Beiträge die höchste Aufmerksamkeit erzielen und Teilnehmer belohnt werden, die respektvoll mit anderen umgehen.

Von Christian Nürnberger