Tritt Hunsrücker Landrat Marlon Bröhr für die Landes-CDU...

Ungewöhnlicher Typ, ungewohnter Look: Hunsrück-Landrat Marlon Bröhr(CDU) vor seinem Amtssitz in Simmern. Foto: Markus Lachmann

Mit seinem Anti-Establishment-Image kommt der Hunsrücker Landrat Marlon Bröhr gut an. Mit ihm könnte die Landes-CDU 2021 sogar eine Chance gegen Malu Dreyer haben - aber gibt...

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SIMMERN. Landrat Marlon Böhr trägt Pulli mit rot-grauen Querstreifen. Als der Reporter ihn für ein Foto raus bittet, vor das Gebäude ins Grüne, ist es ihm dann doch ein bisschen unangenehm. Wegen des „Schlafanzug-Looks“, wie er selbst sagt. Aber irgendwie passt der Pulli zur Person. Bröhr ist ein Mensch, der auch über sich selbst lachen kann, freilich nicht frei von Eitelkeit. Aber der Zahnarzt, ein Quereinsteiger in den Politikerberuf, ist anders als andere. Das weiß er und dieses Image pflegt er. So hat der Verwaltungschef zwar einen Dienstwagen, aber keinen Fahrer. „Ich finde es total unsexy, mit 44 da hinten drin zu sitzen und mich fahren zu lassen, da habe ich das Gefühl, dass die Geriatrie schneller auf mich zukommt.“ Ein typischer Bröhr-Satz.

Bröhr hat ein CDU-Parteibuch, aber mit Parteigeklüngel und Gremienarbeit hat er nichts am Hut. Über die Landes-CDU sagt er, er wisse nicht, wie es „in dem Laden“ laufe. Und wolle es auch nicht herausfinden. Bei den Leuten dort draußen kommt er an, er nimmt diese mit, gibt ihnen ein gutes Gefühl. Das kommt nicht gekünstelt daher. Deshalb könnte er auch der beliebten SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer gefährlich werden. Eben Anti-Establishment. Wenn man ihn für die Landtagswahl 2021 denn aufstellen würde.

Es dürfte im Rhein-Hunsrück und darüber hinaus genügend Anhänger geben, die sich einen Kandidaten Bröhr vorstellen könnten. Doch wer in einer Partei etwas werden will, muss normalerweise die Funktionärs-Ochsentour machen. Schafft es der Zahnarzt aus dem Hunsrück, an den Baldaufs, Weilands und Klöckners dieser Welt vorbeizuziehen? Zur Not gegen sie statt mit ihnen? Wer weiß, wie Parteiapparate funktionieren, dem schwant: Das könnte ein Ding der Unmöglichkeit werden.

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Bröhr ist beliebt bei der Jungen Union

Andererseits hat Bröhr nichts zu verlieren. Er könnte die Zeit bis 2020, wenn die CDU-Landesliste aufgestellt wird, nutzen, für sich werben, durch die Lande tingeln. Bei der Jungen Union kommt der unkonventionelle Landrat offenbar gut an. Kein Wunder, dass Bröhr das Modell der USA favorisiert, wo die einfachen Parteimitglieder bei der Kandidatenfindung einbezogen werden.

Ursprünglich kommt der 44-Jährige mit dem Lockenkopf aus Mönchengladbach. In Aachen lebte er längere Zeit, studierte dort Zahnmedizin. Eigentlich zog es ihn und seine Frau – das Ehepaar hat zwei Kinder – an den Bodensee. Doch dann hatte er die Chance, eine Praxis im Hunsrück-Städtchen Kastellaun zu eröffnen. „Ich kenne hier keinen Menschen“, sagt der Landrat und lacht. Noch so ein typischer Satz. Natürlich dürfte er eine Menge Menschen im Hunsrück kennen. Das Parteibuch hat Bröhr seit 1999, doch die Wahlen zum Verbandsbürgermeister 2007 und Stadtbürgermeister 2009 trat er als unabhängiger Kandidat an – und gewann. Die Landratswahlen fuhr er 2014 als CDU-Kandidat ein. Warum Politik? „Sie müssen das wollen, sonst macht man das nicht.“

Bröhr hält Landesverwaltung für aufgebläht

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Bröhr kann schön reden, aber er ist kein Schönredner. Er hat es gerne mit Fakten. „Zahlen sind ehrlich“, findet er. Er nennt die Investitionsquote, bei der Rheinland-Pfalz seit Langem deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liege. Die Landesverwaltung hält er für aufgebläht. Und immer wieder das Thema Kommunalfinanzen. Wenn von den fünf deutschlandweit am stärksten verschuldeten kreisfreien Städten drei aus Rheinland-Pfalz seien, „dann ist das ein klares Zeichen, was hier nicht läuft“. Oder das Pendlersaldo. So pendeln mehr aus dem Land raus als ins Land rein. Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) hatte im Landtag erklärt, es sei „Ausdruck der Schönheit des Landes Rheinland-Pfalz“, wenn die Menschen hier wohnten, aber in Hessen und anderswo arbeiteten. „Das ist Rabulistik“, so der Kommentar des Landrats. Seiner Meinung nach müsse es doch darum gehen, den Standort attraktiver zu machen. Doch Pustekuchen. „Am Ende schauen wir: Wer kann netter lächeln.“

Bröhr schießt gerne quer. Vor zwei Jahren machte er mit einer Rede auf dem Landesparteitag in Wittlich auf sich aufmerksam. Er versuchte, entgegen den Gepflogenheiten auf dem Parteitag noch einen Posten für den Vorstand zu erlangen, holte immerhin einen Achtungserfolg. Mit seiner Rede legte er sich gleich mit allen drei CDU-Bezirkschefs an. Und der Vorwurf, er hätte sich mit seinem Widerstand gegen die Mittelrheinbrücke profilieren wollen? Wenn Profilierung daran bestehe, im Sinne der Bürger zu handeln, die man vertritt, dann habe er damit kein Problem.

Die offene, mitunter forsche Art des Landrats kann auch Leute abstoßen. „Bröhr hat es geschafft, Misstrauen zu säen“, sagt einer, der den Rhein-Hunsrück gut kennt. Bröhr sei der „Größte, der Schönste, der Beste“. Klar, der Seiteneinsteiger habe nichts zu verlieren. „Er macht, was er will, für ihn ist das alles ein Spiel.“ Man könnte noch Stunden mit Bröhr sprechen, in seinem Landratsbüro in Simmern, das in einer Villa unterbracht ist, aber eher nüchtern ausgestattet ist. Selbstverständlich würde Bröhr immer machen, was er will. Wieso auch anders?

Von Markus Lachmann