Sonntag,
19.08.2018 - 00:00
5 min
„Meerblick“ aus 412 Metern Höhe über Chicago

Von Sina Schreiner
Stellvertretende Redaktionsleiterin Wiesbaden

Dieser Blick nach unten ist nur etwas für ganz Mutige – im Willis Tower geht es vom Skydeck aus 412 Meter in die Tiefe. (Foto: Choose Chicago)
Als es Thorsten Lumbsch 2003 nach Chicago verschlug, hätte er nicht damit gerechnet, 15 Jahre später noch immer dort zu leben. „Wäre ich in irgendeinem Kuhkaff in Texas oder Kansas gelandet, wäre ich auch schon längst wieder weg.“ Doch den gebürtigen Frankfurter zog es damals nicht in irgendeine amerikanische Stadt. Und er setzte seine Karriere hier auch nicht bei irgendeinem Arbeitgeber fort. Lumbsch ging als Kurator ans Field Museum, eines der bedeutendsten Naturkundemuseen weltweit und eine der am meisten besuchten kulturellen Einrichtungen in den USA. Eineinhalb Jahrzehnte später fühlt sich der Exil-Hesse hier zu Hause und er ist mittlerweile sogar zum Vizepräsidenten der Einrichtung aufgestiegen, die im Jahr über einen Etat von 50 Millionen Dollar verfügt.
Dass er sich in Chicago so wohl fühlt, liegt wohl auch an den Menschen, die hier leben. „Die Leute sind einfach freundlich. Viel freundlicher als in New York.“ Architektonisch sei Chicago mit seinen Wolkenkratzern durchaus mit der Weltmetropole an der Ostküste vergleichbar, „aber hier ist es weniger hektisch“. Der 51-Jährige schätzt die internationale Atmosphäre der 2,7-Millionen-Einwohner-Stadt, die er nicht nur am Museum spürt. Er liebt es, hier asiatisch essen zu gehen. Die Nachbarschaft im Stadtteil Andersonville, in dem er lebt, versprüht mit ihren vielen Restaurants und Bars ein europäisches Flair, und ist nicht weit vom Strand entfernt.
Strand in Chicago? Mitten in den Vereinigten Staaten? Der Lake Michigan macht es möglich. Mit seinen 58 000 Quadratkilometern Fläche ist er einer der fünf größten Seen Nordamerikas und verschafft Einheimischen wie Touristen ein Gefühl, das sonst nur Ozeane geben können. „Es fühlt sich wie ein richtiger Strand an“, schwärmt Lumbsch. Das Seeufer ist auch einer seiner Lieblingsplätze. „Es gibt hier Ortsteile mit richtigen Dünen, man fühlt sich wirklich wie am Meer.“
Welche Ausmaße dieses „gefühlte Meer“ annimmt, lässt sich am besten von ganz weit oben entdecken. Zum Beispiel in fast 344 Metern Höhe. Von der Aussichtsetage im 94. Stock haben die Besucher des John Hancock Centers einen fantastischen 360-Grad-Rundumblick über die ganze Stadt. Bei gutem Wetter schimmert der Lake Michigan in Türkisblau, das andere Ufer lässt sich nicht einmal erahnen. Dafür gibt es auf der anderen Seite der Etage, die die Besucher rundherum erkunden können, jede Menge spektakuläre Wolkenkratzer zu sehen. Natürlich auch den Willis Tower, den die Chicagoer trotz seiner Umbenennung vor neun Jahren weiterhin alle Sears Tower nennen, mit 442 Metern das höchste Gebäude der Stadt. Besucher erwartet hier oben ein besonderes Spektakel. Wer sich traut, wird nicht nur mit einem atemberaubenden Blick über die ganze Stadt und bei gutem Wetter bis zu 80 Kilometer weit in andere Bundesstaaten belohnt. Auf den (geschlossenen) Glasbalkonen im 103. Stock stehen die Besucher auf einer Glasplatte, die nur an einer Seite der Turmfassade befestigt ist – und einen freien Blick über 412 Meter in die Tiefe ermöglicht.
REISE-CHECK
Anreise: Flüge ab Frankfurt nach Chicago gibt es ab etwa 500 Euro, zum Beispiel mit Lufthansa oder United Airlines.
Unterkunft: Das Best Western River North ist zentral gelegen und zu Fuß nur wenige Minuten von der beliebten Einkaufsstraße Michigan Avenue entfernt. Von der Dachterrasse hat man einen Blick auf die Skyline, DZ ab 110 Euro.
Empfehlenswertes: Mit dem City Pass bekommet man für knapp 96 Euro Tickets für sämtliche Attraktionen wie etwa das Field Museum, das Art Institute oder die Aussichtsplattformen Skydeck Chicago im Willis Tower und das 360 Chicago Observation Deck im John Hancock Center. Oftmals ersparen diese Tickets das Anstehen und man kann direkt an der Schlange vorbeigehen.
Auskunft: www.choosechicago.com
Unterkunft: Das Best Western River North ist zentral gelegen und zu Fuß nur wenige Minuten von der beliebten Einkaufsstraße Michigan Avenue entfernt. Von der Dachterrasse hat man einen Blick auf die Skyline, DZ ab 110 Euro.
Empfehlenswertes: Mit dem City Pass bekommet man für knapp 96 Euro Tickets für sämtliche Attraktionen wie etwa das Field Museum, das Art Institute oder die Aussichtsplattformen Skydeck Chicago im Willis Tower und das 360 Chicago Observation Deck im John Hancock Center. Oftmals ersparen diese Tickets das Anstehen und man kann direkt an der Schlange vorbeigehen.
Auskunft: www.choosechicago.com
Per Boot können Architekturfreunde sich bei der „Architecture-River-Cruise“-Tour einen Gesamteindruck von den Hochhäusern der Stadt verschaffen und viel Wissenswertes erfahren, während sie vom Wasser aus einen uneingeschränkten Blick auf die gigantischen Bauten haben. Unübersehbar ist dabei auch der Trump Tower. Das zweithöchste Gebäude der Stadt ist trotz seiner Eins-a-Lage am Chicago River wenig beliebt bei den Menschen hier.
In direkter Nachbarschaft, am beliebten Riverwalk, hat die gebürtige Hamburgerin Nicole Outrequin Quaisser mit dem „Land & Lake“ gerade ihr siebtes Restaurant in Chicago eröffnet. Zusammen mit ihrem Mann Stephan, der ursprünglich aus Frankreich stammt, hat sie sich hier ein Unternehmen aufgebaut, das auch Catering anbietet. Zwischen 250 und 300 Hochzeiten kommen da im Jahr zusammen. Oder auch mal die Ausrichtung der Weihnachtsfeier des früheren US-Präsidenten Barack Obama, der lange in Chicago zu Hause war. „Ja, ich würde schon sagen, ich lebe den amerikanischen Traum“, sagt die Deutsche, deren Muttersprache mittlerweile von Ausdrücken wie „you know“ oder „great“ amerikanisch geprägt ist. „Ich habe in Chicago das gefunden, was ich toll fand. Mit ein bisschen Glück und viel Arbeit kann man hier schnell etwas erreichen.“ Dank der Unterstützung privater Investoren („die Leute glauben hier mehr an einen als in Deutschland“) ist die gelernte Hotelfachfrau heute Chefin von 200 Angestellten. Darunter viele Latinos, die sich unter der Regierung von US-Präsident Donald Trump angegriffen fühlen. „Das Klima ist für sie sehr schwierig geworden. Die Mexikaner haben Angst vor Trump. Jetzt kommen keine Leute mehr nach und die Personallage wird immer schwieriger.“ Dabei hat Chicago eine Einwanderertradition wie nur wenige andere Städte in den USA. Gerade für Deutsche war die Stadt im Bundesstaat Illinois Mitte des 19. Jahrhunderts eine der Hauptanlaufstellen für alle, die in der Neuen Welt einen Neuanfang wagen wollten. Chicago erfreute sich so großer Beliebtheit bei den deutschen Einwanderern, dass es zum zentralen Siedlungsgebiet wurde. Um 1900 stammte jeder vierte Chicagoer entweder direkt aus Deutschland oder hatte deutsche Vorfahren. Auch heute noch verfügt ein großer Teil der Chicagoer Bevölkerung über deutsche Wurzeln.
Einer von ihnen ist Adam Herbert. Sein Urgroßvater Adam Bach stammte aus Stuttgart und eröffnete Ende des 19. Jahrhunderts ein Fahrradgeschäft in Chicago. Herbert selbst verkauft heute zwar keine Fahrräder mehr, aber er hat sein Geschäft trotzdem an die Familiengeschichte angelehnt: Mit seiner Bar „The Radler“ hat sich der Chicagoer einen Traum erfüllt und erhält damit gleichzeitig das Andenken an seine Vorfahren. In der im Wirtshausstil anmutenden Kneipe stehen 24 Biere vom Fass auf der Karte, dazu kommen über 200 verschiedene Flaschenbiere. „Es ist eine amerikanische Interpretation von Deutschland und deutscher Bierkultur“, erklärt Herbert. Er selbst reist zweimal im Jahr nach Deutschland, hat sich auch schon bei der Weinlese in Rüdesheim nützlich gemacht und bringt von seinen Reisen in das Land seiner Vorfahren stets Erinnerungen mit, die dann seine Bar schmücken. Unzählige Biergläser und Krüge, Flaschen und Tabletts dekorieren den Laden. Der Chicagoer ist stolz auf das, was er sich hier aufgebaut hat. „Normalerweise schließen 80 Prozent der Restaurants in den ersten zwei Jahren schon wieder. Uns gibt es mittlerweile schon seit fünf Jahren.“