Rüsselsheim: Opel überrascht mit hohem operativen Gewinn

Im ersten Halbjahr 2018 betrug das Betriebsergebnis der Sparte Opel-Vauxhall ohne Einmalbelastungen 502 Millionen Euro. Foto: Caroline Seidel/dpa

Damit hat niemand gerechnet: Im ersten Halbjahr erzielt Opel einen operativen Gewinn von einer halben Milliarde Euro. Carlos Tavares, der Chef der Opel-Mutter PSA, hat beim...

Anzeige

PARIS/RÜSSELSHEIM. Opel hat es geschafft. Unter dem Dach der französischen PSA-Gruppe ist der Autobauer im operativen Geschäft in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt. Und das mit einem Tempo, mit dem keiner gerechnet hat. Wie PSA am Dienstag mitteilte, verbuchte Opel im ersten Halbjahr ein operatives Ergebnis – also ohne die Kosten der Sanierung – von einer halben Milliarde Euro. In den Monaten nach der Übernahme durch PSA im August 2017 lief bis Jahresende noch ein operativer Verlust von 179 Millionen Euro auf.

Auch für das zweite Halbjahr sieht es recht gut aus. Wenn der Sanierungsplan eingehalten werde, sehe er keinen Grund, warum die erzielten Gewinne nicht nachhaltig sein sollten, sagte PSA-Boss Carlos Tavares bei der Vorlage des PSA-Quartalszahlen.

Fast 20 Jahre unter GM in tiefroten Zahlen

Anzeige

Kann Opel den Trend halten, dann wird die einstige GM-Tochter 2018 erstmals nach fast 20 Jahren ein positives Jahresergebnis abliefern. Zuletzt gab es im zweiten Quartal 2016 schwarze Zahlen, die aber wieder schnell dahinschmolzen. Opel verdient mit seinen Autos laut PSA wieder Geld. Das ist auch von der Belegschaft mit Erleichterung aufgenommen worden. Nach Informationen dieser Zeitung gab es bei einer Mitarbeiterversammlung lautstarken und anhaltenden Applaus, als Opel-Chef Michael Lohscheller den operativen Gewinn von 502 Millionen Euro verkündete.

Was bei dem Hersteller im ersten Halbjahr unter dem Strich, also inklusive Sonderaufwendungen und Investitionen, zu Buche steht, dazu machte PSA keine Angaben. Doch die Sanierung kostet zunächst einmal viel Geld. PSA zufolge fielen bei Opel in den ersten sechs Monaten Restrukturierungskosten von 406 Millionen Euro an. Darin stecken etwa die Abfindungen für die vielen Mitarbeiter, die die Firma verlassen. Die Abfindungen sollen im Schnitt bei rund 150.000 Euro liegen. Opel baut bis 2023 über Ausstiegs- und Vorruhestandsprogramme 3700 Stellen ab.

Tavares hat Sympathien für strategische Partnerschaften

Zu den weiteren Plänen für das rund 7000 Beschäftigte starke Entwicklungszentrum in Rüsselsheim äußerte sich PSA nicht. „Es ist noch nichts entschieden“, sagte Finanzchef Jean-Baptiste de Chatilon. Zuletzt hatten Medienberichte für erhebliche Unruhe in Rüsselsheim gesorgt, wonach die Opel-Mutter auch Gespräche führe, große Teile des Entwicklungszentrums an Dienstleister zu verkaufen.

Tavares ließ am Dienstag erkennen, dass er Sympathien für strategische Partnerschaften hegt. Man wisse, dass die Aufträge vom EX-Opel-Eigner GM fürs Entwicklungszentrum drastisch zurückgingen, sagte Tavares. Mehr als 50 Prozent der täglichen Arbeit der Ingenieure entfielen Insidern zufolge zuletzt auf diese Aufträge. „Wir müssen verhindern, dass diese Jobs verloren gehen. Also ist jede Lösung, die Stellen mit einer speziellen Partnerschaft sichert, besser, als wenn die Jobs verloren gehen“, so Tavares.

Anzeige

Große Resonanz auf Halbjahreszahlen

Die Resonanz auf die Halbjahreszahlen ist gewaltig. Nachdem der PSA-Konzern für Opel für das erste Halbjahr von einer halben Milliarde Euro vermeldet hat, überschlagen sich die positiven Meldungen. Opel hat alle überrascht, steigt auf wie Phönix aus der Asche. PSA-Chef Carlos Tavares strotzt vor Selbstbewusstsein bei der Fragerunde mit den Journalisten. Noch ein bisschen mehr als ohnehin schon.

Die Börse jubelt. Die Peugeot-Aktie springt – auch wegen der guten Zahlen des PSA-Konzerns insgesamt – im Handelsverlauf um 14 Prozent noch oben. Auf ein Zehnjahreshoch. Das zieht auch die Werte deutscher Hersteller mit. Die Autobranche und Opel insbesondere hungern nach positiven Meldungen. Nach Informationen dieser Zeitung applaudieren in Rüsselsheim Beschäftigte lautstark, als ihr Chef Michael Lohscheller bei einer internen Mitarbeiterversammlung ihnen den operativen Gewinn von 502 Millionen Euro verkündet. Wie hat Opel die fulminante Rückkehr in die schwarzen Zahlen geschafft? PSA-Chef Carlos Tavares betont, dass die Fixkosten bei Opel um 28 Prozent gesunken seien. Der größte Block sind die Personalkosten. Insidern zufolge sollen bereits rund 1000 Mitarbeiter weg sein; insgesamt 3700 Stellen werden in Deutschland gestrichen. Darüber hinaus entstehen neue Opel-Modelle nun ausschließlich auf von PSA bereitgestellten Plattformen. Das spart Geld beim Einkauf und bei der Entwicklung.

Kosten an allen Ecken und Enden reduziert

Wie aus Firmenkreisen verlautete, ist man den Fixkosten aber auch über die Reduzierung der zum Teil viel zu großen Standortflächen zu Leibe gerückt. Werksflächen seien komprimiert, mitunter verkauft worden. Darüber hinaus habe man Kosten über all da gesenkt, wo sich die Gelegenheit dazu geboten habe, heißt es im Unternehmen. Zum Beispiel über die Reduzierung der Teilezahl für einen Pkw und damit der Komplexität der Produktion. Darüber hinaus gäben die Kunden für Opel-Modelle wieder mehr Geld aus, meinen andere. Es würden weniger Kleinwagen, dafür aber mehr hochwertige SUVs gekauft.

Auch spiele eine wichtige Rolle, dass Opel die für das Unternehmen teuren, weil erheblich günstiger zu habenden Eigenzulassungen deutlich zurückgefahren habe. Zulasten des Marktanteils, der im europäischen Markt zuletzt auf 5,6 Prozent gesunken ist. Opel hat das aber nach eigener Darstellung bewusst in Kauf genommen. „Wir wollen uns auf profitable Vertriebskanäle, auf Geschäfte, die sich finanziell lohnen konzentrieren und so die Erträge pro Fahrzeug zu steigern“, betonte das Unternehmen zuletzt. Nach Meinung mancher Experten dürften aber auch die Finanzjongleure im PSA-Konzern einen gewissen Beitrag zu den fulminanten Halbjahreszahlen geleistet haben. So wie GM Opel in der Vergangenheit schlecht gerechnet habe, um Steuern sparen zu können, heißt es.

“Dürfen Probleme nicht unter den Teppich kehren”

PSA-Boss Tavares ist voll des Lobes für die Opel-Beschäftigten. Sie seien nicht das Problem, sondern deren Lösung und lieferten gute Ergebnisse „Sie haben meine Wertschätzung. Es sind tolle Leute“, so Tavares. Man müsse sie verstehen und ihnen eine „ruhige Atmosphäre“ bieten. In Rüsselsheim ist man davon noch sehr weit entfernt. Nach Medienberichten über einen etwaigen Verkauf großer Teile des Entwicklungszentrums bangen viele der bis zu 7000 Beschäftigten um ihre Zukunft.

Er verstehe die Ängste. Aber umgekehrt müssten die Mitarbeiter auch verstehen, dass man die Probleme angehen müsse und nicht unter den Teppich kehren dürfe, sagt er unter Verweis auf die Aufträge des Ex-Opel-Eigners General Motors für das Entwicklungszentrum, die mittelfristig auslaufen werden.

Neben Ingenieursarbeit, die PSA in Auftrag gibt, sieht er in strategischen Partnerschaften für das Entwicklungszentrum eine gute Möglichkeit, dort Jobs zu sichern. Solche Partnerschaften seien wesentlich erfolgreicher als viele denken. Zudem sei deutsche Ingenieursarbeit weltweit sehr gefragt.